Politik

Hypotopia. Vom versenkten Geld.

Hypotopia – die Milliardenstadt. Studenten der Technischen Universität Wien haben sich damit beschäftigt, wie die Summe von 19 Milliarden Euro – die man für die Rettung der Hypo aufbringen muss – sinnvoll verbaut werden könnte. Eine ganze Stadt als Betonmodell im Maßstab 1:100 war im Brunnen vor der Karlskirche ausgestellt. Die jungen Architekten haben dabei visionäre Ideen für die Stadtplanung einfließen lassen, auf die man in der Realität leider nur in den seltensten Fällen stößt – vom Vertical Farming bis zu ganz neuen Wegen in der Mobilität.

Eine Stadt mit über 102.000 Einwohnern. Auf über 12 Quadratkilometern. Diese Stadt wird nie gebaut werden. Sie wäre auch nie geplant worden ohne das Hypo-Desaster. Sie soll nur unsere Vorstellung darüber schärfen, wieviel die Öffentlichkeit aufbringen muss für die Bankenrettung. Es ist aber noch immer unvorstellbar. Und eine Frage bleibt offen: Wo sind derzeit die Enten, die im Sommer im Brunnen vor der Karlskirche geplanscht haben?

Bundesheer: Ab sofort wird zu Queen-Musik marschiert

Viel zu lachen gibt es derzeit wohl nicht in den Reihen des Bundesheeres. Einsparungen, Kasernenschließungen, Personalabbau. Zwar wurde die Wehrpflicht bei der Volksbefragung zur Wehrpflicht eindeutig bestätigt – doch was bisher passierte, kann man eigentlich nur als vollkommene Demontierung des bestehenden Bundesheeres bezeichnen. Doch allen Problemen zum Trotz: Am Nationalfeiertag gehört der Heldenplatz dem österreichischen Bundesheer. Und es ist immer wieder faszinierend – das Geraunze und Gejammere kann so laut sein wie noch nie, und doch strömen die Massen zur Leistungsschau. So steht die Nation wenigstens an einem Tag hinter ihrem Bundesheer. Und so konnte man auch heuer wieder Kinder auf, vor und hinter Panzern und Kanonen bewundern. Die Garde tauschte die Marschmusik gegen Musik von Queen, AC/DC und Pharrel Williams, was mehr als skurril wirkte. Vielleicht eröffnet sich hier ja ein neues Geschäftsmodell. Genau so eines ist mit dem Garde-Shop bereits eröffnet: Hier kann man unter anderem eine Mini-Holznachbildung des StG 77 erstehen – man hängt sich in Österreich ja immer gerne Waffen an die Wand.

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Freundschaft im Jahr 2014

Erster Mai. Tag des Maiaufmarsches in Wien. Früher war das der einzige Tag, an dem die Öffentlichen Verkehrsmittel am Vormittag völlig eingestellt waren, weil alle Mitarbeiter der Wiener Linien zum Rathausplatz pilgerten. Das ist lange her. Aber noch immer marschieren Bezirksgruppen und SPÖ-Unterorganisationen sternförmig aus der ganzen Stadt zum Rathaus. Der Platz war schon voller, die Stimmung war schon besser. Aber die Basis wird noch immer hier abgeholt. Und da dürfen auch einige Jugendorganisationen mit kritischen Slogans auf den Platz: “Acht Jahre Scharz-Rot. Weitere Acht und wir sind tot.” Am Schluß wird aber wie immer die Internationale angestimmt. Und noch immer wird ergriffen mitgesungen. Freundschaft.

Ein Kampagnen-Stück: “Mieser Abschaum aus der Gosse”

Die Vorgänge um Demonstrationen rund um den “Akademikerball” genannten Event (wieso heißt der eigentlich so?  - nicht jeder Akademiker dürfte Affinität zu diesem Ball zeigen) haben zu einem sehr vorhersehbarem Echo in den Medien geführt. Allerdings: Eine offene Diskussion um (friedliche) Demonstranten, Gewaltbereitschaft, das Eingreifen der Polizei in Grundrechte und der Freiheit, einen Ball besuchen zu dürfen, ist zu diesem Thema noch nie möglich gewesen – und wird es wohl auch nie sein. Auch wir scheitern hier und kümmern uns in diesem Beitrag um die Nachwirkungen. Kollegin Ulrike Weiser hat die Stimmung(mache) rund um den Akademikerball in ihrem Leitartikel in der “Presse am Sonntag” gut beschrieben:

Es gibt Debatten, die kann man nur verlieren. Im Fall des Akademikerballs, weil die Spielregeln nichts anderes zulassen: Demnach ist jeder, der den Ball verteidigt, (extrem) „rechts“, wer ihn kritisiert (extrem) „links“, und wer sagt, dass man weder den einen noch den anderen die Bühne der Aufmerksamkeit bieten solle, bekommt auch sein Fett ab – als Beschwichtiger. Kurz: Mehr als Scheitern mit Anspruch war bei diesen Debatten bisher nicht drin.

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Als eindeutiger (unmoralischer) Sieger hat sich am Sonntag die “Krone” hervorgetan. Unisono schmetterten die drei “Weisen” Michael Jeannée, Peter Gnam und Kurt Seinitz ihre Abrechnungen mit dem “radikalen, niederträchitgen, elenden feigen Mobs und miesen Abschaums aus der Gosse”  (© Jeannée) in den Rachen der “Krone”-Leser. Die in letzter Zeit ein bisschen ins Wanken gekommene “Krone” hat damit wieder in ihr Lieblings-Metier zurückgefunden: Dem Kampagnen-Journalismus. Quer durch das ganze Blatt wird kampagnisiert, für Gegenmeinung ist keine Platz – wieso auch? Das dynamische Trio der “Krone” hat immer recht – und wer noch nicht davon überzeugt ist, soll jetzt davon überzeugt werden. Und das sollte leicht sein, da sich “die Bundeshauptstadt im Würgegriff von Kriminellen” (© Gnam) befindet. Doch die drei Musketiere schwingen jetzt gemeinsam ihre Säbel, um uns alle zu retten.

Nur einmal, im Kommentar von Peter Gnam, glaubt man kurz, die von der “Krone” gern hervorgehobene und im Logo beschriebene Unabhängigkeit würde sich durch die Zeilen fressen. Doch schon im nächsten Satz erkennt man, dass die Krone wohl nur vom “linken Lager” unabhängig ist: “Und wie immer in solchen Fällen praktiziert, wurden die Gewalttäter zu Opfern gemacht. (…) Die Polizei trage Schuld, dass Freitagabend in Wien (auch) Blut geflossen ist”, so Peter Gnam.

Fazit: Die Auseinandersetzungen rund um den Akademikerball haben wohl einen politischen und einen medialen Sieger:

Auf der einen Seite die FPÖ und Strache. Der Satire-Blog tagespresse.at kann sich eigentlich zur Ruhe setzen: Die Satire-Schlagzeilen wurden von der Wirklichkeit überholt: “Strache bedankt sich bei allen 300 Randalierern”. Wohl ein Effekt der Ereignisse am Freitag Abend: Durch die oft geübte Opfer-Täter-Verdrehung sind dem Blau-Mann wohl einige Stimmen zugeflogen. Zeilen wie jene oben von Gnam zitierte hat man auch immer wieder aus dem Mund von Heinz-Christian Strache gehört – ein Zufall?

Denn: Der zweite Sieger ist die “Krone”. Beim Thema “Linkschaoten” hat man jahrzehntelange Erfahrung, jetzt kann man mit diesem Kernthema wieder die Leserschaft bedienen. Ohne Gegenmeinung. Denn die Meinung wird im Pressehaus in Wien-Heiligenstadt gemacht. Und das für ALLE Österreicher.

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Echte Helden am Heldenplatz?

Der Nationalfeiertag ist traditionell der Tag des Bundesheeres. Alljährlich wird am Heldenplatz eine große Leistungsschau veranstaltet  - die wohl wichtigste PR-Aktion des Heeres im Jahr. Und marketingtechnisch kann man dem Bundesheer nichts vorwerfen, da wird mit allen Mitteln das Image aufpoliert: Kinder können in Hubschrauber und auf Panzer klettern, heuer wurde ein Riesenkran aufgebaut, von dem man sich waghalsig per Bungee-Seil stürzen konnte und mit dem ein Weltrekord aufgestellt wurde, von der Hundestaffel bis zum Tauchereinsatz werden Vorführungen geboten. Der ganze Heldenplatz als Volksfestgebiet. Das streng militärische weicht einem Schulterklopfen. Und die Wiener und Österreicher strömen zu Hunderttausenden auf den Platz – wie wenn es etwas gratis gäbe.

Heiß umstritten war das Bundesheer in den vergangenen Jahren. Die Volksbefragung zur Wehrpflicht hat nicht nur die guten Seiten des Wehrdienstes beleuchtet. Trotzdem haben die Österreicher für die Beibehaltung abgestimmt, frei nach dem gut alt österreichischem Motto “Des woa schon immer so”. Am Nationalfeiertag scheint es so als seien alle Kritiker verklungen, als gäbe es keine Budgetschwierigkeiten, als wäre “unser Heer” unumstritten. Verbeugung vor dieser PR-Leistung.

Allerdings: Kinder, die auf Kanonenrohren der Panzer herumklettern – das hat etwas zutiefst verstörendes. Die Eltern lassen ihren Kleinen heute das Kriegsspielzeug – und morgen wird wieder geschimpft, dass das Bundesheer zu viel Geld benötige für die Anschaffung von neuer Gerätschaft. Auch das ist typisch. Österreichisch.

>>Bilder von der Angelobung und vom Rekord-Bungee-Jump

Mehr als ein Hitler-Bärtchen

Wahlkampfzeit ist immer auch Plakatwaldzeit. Vom größten Teil der Großflächenplakate grinsen die Politiker und die unbeliebten Dreiecksständer verstellen den Blick. Manch einer greift zum Stift und verewigt sich mit eigenen Slogans oder einem aufgemalten Hitler-Bärtchen. Oder überklebt die Plakate, womit teilweise interessante Collagen entstehen.

Übrigens: Die Parteien selbst sehen Plakat-Graffite wenig entspannt als “Sachbeschädigung.” Die SPÖ Vorarlberg hat sogar wegen der wiederholten Beschädigung ihrer Wahlplakate Anzeige erstattet: “Die gezielte Beschädigung eines Plakates ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Strafdelikt.”

Mit dem Phänomen der Plakat-Übermalungen vor Wahlkämpfen hat sich übrigens auch das “Institut für Graffitiforschung” beschäftigt. Auf Facebook wird ein eigenes “visuelles Forschungstagebuch” geführt: “Besonders interessant sind Wahlkampfzeiten, wo auf den vielen kurzlebigen Werbe-Flächen der Parteien vielfältige Stellungnahmen der Bevölkerung erfolgen.”

>>Mehr Plakat-Graffiti