Schön is so a Mulatschag
Stefan Weber und Drahdiwaberl sind im Museum angekommen. Und das im spießiegen Wien: Mit ihren Attacken gegen das Establishment und gegen die Spießer, exzessiven Shows und pornografischen Andeutungen auf der Bühne haben sie im Blutrausch schon vor Jahrzehnten mit der Wiener Gemütlichkeit aufgeräumt. Weber ist zwar schon schwer von seiner Krankheit gezeichnet, aber man sieht ihn förmlich aufblühen auf der Bühne. Und er und seine Mannschaft können ihn noch immer, den Mulatschag. Zwar jetzt schon am Nachmittag, aber für eine Ausstellungseröffnung schneuzen und kampeln sich auch die Mannen von Drahdiwaberl mal. Dass Wien nicht mehr so spießig ist wie vor dreißig Jahren hat man übrigens daran erkannt, dass Dutzende Kinder von ihren Eltern hochgehoben wurden beim Konzert. Wie haben die Eltern wohl den Kleinen den Mulatschag erklärt?
Die Ausstellung ist übrigens noch bis 15. September im Wien.Museum zu sehen.
Als Vorgeschmack gibt es auch eine Online-Ausstellung der Wienbibliothek Digital.
Es geht um die Wurst
Käsekrainer, scharfer Senf, Pfefferoni, Brot. Und dazu ein Dosenbier. Nicht grad vegan, aber eine schöne Menage beim Würstelstand. Besser als jeder ein-Euro-Cheeseburger von Macs und Kings. Oft hat der Würschtler schon mutmaßlich Leben gerettet – wenn man des Nachts durch die Stadt irrte mit einem Riesen-Hunger.
Kunsthistoriker Sebastian Hackenschmidt und Fotograf Stefan Olah haben nun einen Bildband veröffentlicht, in dem 95 Exemplare des “Kleinen Sachers” – wie die Zweckbauten nicht nur in der Literatur genannt werden – bildlich verewigt sind. Sebastian Hackenschmidt setzt sich vor allem mit dem Würstelstand als soziokulturelles Phänomen auseinander, das zudem mit idiomatischen Eigenheiten aufwartet – siehe “a r ogschöde buanwuascht”, die H.C. Artmann in seinem Gedicht “Wos an weana olas en s gmiad ged” würdigt.
Präsentiert wurde der Band standesgemäß in einem “Ekazent” in einer Radatz-Filiale. Bei Gratis-Würstel, Gratis-Bier und Gratis-Wein stellten sich die Würstelstand-Liebhaber gerne an und die Seitenblicke-Gesellschaft war in ihrem Element. Thomas Maurer hielt die Laudation auf das Buch, die Schrammeln spielten. Es ging halt um die Wurst.
Unser Buchtipp: 95 Wiener Würstelstände. Sebastian Hackenschmidt und Stefan Olah. Verlag Anton Pustet.
Die Bilder sind bei der Präsentation im Ekazent Hietzing entstanden, die letzten drei Bilder sind aus dem Buch.
>>Mehr Bilder: 95 Wiener Würstler: ”Wurst essen als emotionales Erlebnis”
Flüchtlingsball: Nicht das “Köpferl in Sand” stecken
Klares Motto beim Wiener Flüchtlingsball im Rathaus, der zum 19. Mal zugunsten des Integrationshauses stattfand: „Wir rufen zur Solidarität mit Asylsuchenden auf und fordern eine verantwortungsvolle Flüchtlingspolitik”, forderte Geschäftsführerin Andrea Eraslan Weninger bei der Eröffnung.
Das „Balllied 2013″, das mit Unterstützung von Willi Resetarits und Beatrix Neundlinger als Mitternachtseinlage vom Chor des Integrationshauses gesungen wurde, untermauerte diese Forderung: Frei nach Arik Brauer solle man nicht „sein Köpferl in Sand” stecken.
Zuvor hatte einer der Asylsuchenden, die seit Wochen in der Votivkirche protestieren, um Hilfe appelliert. Khan Adalat brachte sein Anliegen auf den Punkt: “Helft uns!”
Aber es wurde auch gefeiert und getanzt – bei legerer Balletikette statt starrer Tradition. Auf zwei Live-Bühnen traten Musiker aus aller Welt auf, die ihren Lebensmittelpunkt nun in Wien gefunden haben. Für den Höhepunkt auf der Tanzfläche sorgte die Gruppe Bongo Botrako aus Barcelona mit ihrer Mischung aus Rumba, Reggae, Ska und Punk-Musik.
Auch heuer wollte der Ball nicht die Klischees der walzerseligen Wiener Balltradition bedienen, sondern strahlte das Charisma einer großen Party für Freunde aus – und dafür braucht man nicht unbedingt Walzerklänge. Diesem Konzept wird man wohl auch beim 20-jährigen Jubiläum im nächsten Jahr treu bleiben.
Die Gewichtheber-Playback-Show
Tanz, Tombola, Polonaise und Playback-Show: Der jetzt schon legendäre Gewichtheber-Ball ging wieder im Schutzhaus Zukunft über die Pforten. Ohne die Wiener Walzer-Seligkeit, ohne den Glamour der Wiener Schickeria. Dafür mit Schnitzel, Budweiser und Schnapsbar. Und legerer Kleidung statt Ballroben. Leider in diesem Jahr ohne den obligatorischen Gewichtheber-Bewerb des KSC Argos/AK Hermann/Polizei SV Wien vor dem Ball.
Der fehlende Schweißgeruch im Saal war bemerkbar – denn auch die immer um 23 Uhr beginnende Mitternachtseinlage war heuer schaumgebremst: Wie jedes Jahr machen die Gewichtheber in Verkleidungen mehr oder weniger gute Figur auf der Bühne als Antipode zur Mini-Playback-Show. Heuer wurden unter anderem STS, Abba oder Lady Gaga “persifliert”, begleitet von einer Polonaise des Publikums vor und auf der Bühne. Höhepunkt war heuer sicher die Rocky-Horror-Picture-Show-Einlage “Sweet Transvestite”.
Übrigens: Der fehlende Schweißgeruch war spätestens nach der Show wettgemacht – durch den Schweiß der Tänzer, gemischt mit den Klängen der “Stimmungsmusik” und den vielen großen Bieren. Kraft frei!
Der Champion für die Wechseljahre
Der Champion hat seine Jünger zu den Abschlussterminen seiner Tourne “Fire, Light and Austrofred” gerufen – und im (fast) vollen Gasometer huldigten die Gläubigen ihrem Prediger des Austropop. Und Austrofred ist im Alter noch ein bisschen weiser geworden und will auf eine neue Marketing-Linie setzen: “Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich bei meinem Publikum für die Energie, die Liebe und die gegenseitige Befruchtung bedanke, die es mir in all den Jahren zukommen hat lassen. Deshalb möchte ich mich in meiner zukünftigen Arbeit verstärkt um die zahlungskräftige Zielgruppe der Frauen in den Wechseljahren bemühen.”
Er hat ja ganz recht, seine Show, strotzend von Feuerwerk und Laser ist unvergleichlich, wenn dann mit “Apassionata oder Holiday on Ice”. Mit dem Unterschied, dass seine Jünger das wohl nicht ansehen werden.
Süß: Der Heiratsantrag eines Austrofred-Fans vor der Show auf der Bühne. Und ich mein jetzt nicht einen Antrag an den Champion.
Und legendär mit ein bisschen Fremdschäm-Faktor: Tony Wegas, der ehemalige Songcontest-Teilnehmer und zwischenzeitlich abgestürzte Sangesbarde, als “Vorgruppe”.
Champion, wir bleiben dir treu!
>>Austrofred im Interview: “Budget für Benzin und Leberkässemmeln”
Der Adventkalender. Er lebt!
Adventkalender gibt es in vielen Ausformungen, auch im öffentlichen Raum. Jedes Jahr im Advent werden damit Rathäuser und andere Bauwerke neben Christkindlmärkten verschandelt. Dabei kann so ein Kalender auch künstlerisch wertvoll sein – so wie jener von Hubsi Kramar im Wiener Kabelwerk: Sein “Lebender Adventkalender” ist mit lebendigen Künstlern gefüllt. Jeder von ihnen hat in seinem Kastl Platz für Theater, Gesang, Peformance; Kritik oder einfach was dem Künstler im Kastl grad einfällt. Hubsi Kramar selbst erklärte es im Chat von DiePresse.com so: “Das spannende ist, dass jeder Künstler einen Kubikmeter hat. Wie Waben kann man sich das vorstellen. Dann fliegt der Deckel des ersten Kästchens auf. Am Ende sind alle 24 Kästchen offen.”
Hinter jedem Kastl stecken dann Performances, die wie folgt betitelt sind: “2. Tag: Die Killlertaler Grützenfeger singen ein Weihnachtlied.” Absolut phantastisch: Miki Malör, die die Finanzkrise mit einfachsten Mitteln so gut wie noch nie erklärte: Sie mampfte einfach soviele Münzen, wie sie in ihren Mund bekommen konnte – und nach kurzer Zeit musste sie diese Münzen wieder erbrechen. Malika Fankha und Leonhard Srajer füllten ihr Kästchen mit typisch wienerischem Mini-Revue-Theater: “Das Fleisch ist noch nicht weich.” Lucy McEvil stellte sehr plastisch das “Himmlische Tor” dar. Und zu guter letzt war man nicht mal überrascht, dass sich im letzten Kastl, dem 24., eine erhängte Maria vorfand.
Interessantes Konzept, großartiges Bühnenbild, man konnte lachen, man konnte weinen, man konnte nachdenken. Und staunen. Im nächsten Advent wieder im Kabelwerk.
Roboter als Mojito-Mixer
Cocktails selber mixen? Sicher nicht auf der Roboexotica im Wiener Ragnarhof – dem Festival für Cocktailroboter. Dort hat eine Riesen-Maschine, betrieben über eine schwere Kette, Mojitos gemixt. Gleich daneben spielten jeweils zwei Nerds mit Drähten auf dem Kopf “Vier gewinnt” auf einer riesengroßen Wand. Natürlich gings um Cocktails. Nicht weit entfernt spielte man sich per Doppel-Flipper die Drinks aus. Auch Crepes – mit Alkoholfüllung – wurden von einem Roboter hergestellt. Und mittendrin: Der Lovebot 4000 – der äußerst freundliche Roboter erkennt, wenn sich ein Paar vor ihm küsst – und belohnt sie mit zwei Shots. Funktioniert hervorragend, wurde von uns getestet.
Monochrom ließ inzwischen Menschen ausgelassen auf einer Tanzfläche herumhopsen, die mit Kontakten versehen waren – die Dancingularity. (UPDATE: gehostet wurde das Gehopse von Johannes Grenzfurthner, Erklärung dazu im ersten Posting) Die damit verbundenen Kästchen, die an die Wand projiziert wurden, sahen zwar äußerst innovativ aus. Wie die Tanzenden das ganze beeinflussten, das blieb uns allerdings vollkommen verborgen. Vielleicht hätte die kleine Drohne, die herumflog, Licht ins Dunkel bringen. Aber sie blinkte einfach nur vor sich hin.
Und dann gabs auch noch einen Roboter, der statt einem Kopf einen 80er-Jahre-Computerbildschirm trug und nach jedem Einwerfen von Münzen ganz aufgeregt hüpfte – um dann sogleich einzuschenken. Wären wir Spielverderber, hätten wir vermutet, dass unter diesem Bildschirm ein Mensch steckte. Sind wir aber nicht.
Karlskirche duchlöchert, zerstört und neu aufgestellt
Die Wiener Karlskirche: In Auftrag gegeben von Kaiser Karl VI, wurde sie von Johann Bernhard Fischer von Erlach als zentrale Verbindung zwischen Rom und Byzanz gestaltet. Aus diesem Grund vereint die Karlskirche bewusst Elemente aus christlichen und islamischen Sakralbauten. Heute steht sie auf einem zentralen und großen Platz Wiens – die mächtige Kulisse wird immer öfter für Festivals vom Popfest bis zum Straßenkünstlerfestival benutzt, schön langsam wird das Image des anrüchigen Karlsplatzes immer besser.
Am 13. Oktober konnte man die Karlskirche in einer Form bewundern, wie man sie sonst noch nie gesehen hat. Der Videokünstler Markos Aristides Kern und das DJ-Team Makossa & Megablast verwandelten die Karlskirche in eine riesige Projektionsfläche. Die Kirche hüpfte, drohte zu zerschmelzen, wurde dann von wild wuchernden Pflanzen überwachsen, von riesigen Spinnen erklommen, mutierte zum DJ-Deck mit riesigen Lautsprechern, wurde duchlöchert, zerstört und neu aufgestellt. Und das alles in 3D verblüffend real. Ein Augenschmaus zu dem tausende Wiener vor dem Spektakel im Dunklen ausharrten.
Für die Performance ist ein weltweit einmaliges Projektionsfahrzeug zum Einsatz gekommen: das Multi Media Offroad Vehicle. Das MMOV macht es möglich, Fassaden mobil live zu bespielen. Wien war die letzte Station einer von Intel präsentierten Roadshow. Auch der Berliner Olympiapark oder der Dresdner Zwinger wurden mit dem MMOV bespielt.
Einziger Wermutstropfen: Das Wiener Publikum. Tolle Musik, tolle Performance – und die Zuschauer standen dort wie die Zombies. Wie im Theater wurde man fast schief angeschaut, wenn man zu laut redete oder sich zur Musik bewegte. Wien hat noch einen weiten Weg in den Köpfen von der Provinzstadt zur Weltstadt.






































































































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