Tirol isch lei oans


Kurzausstellung im Wiener WUK von God’s Entertainment: „Tirol isch lei oans“. Wenige, aber spektakulär große Fotos, die das traute Landleben in Tirol enttarnen sollen. Die Enttarnung findet allerdings auf der Schockebene statt: Das sieht man einen Pfarrer, der sich neben der Kirche am Ministranten vergeht, dort den Zivildiener bei der Rettung, der sich Heroin einschießt. Oder eine Schockebene höher den Bauer, der ein Schaf schändet. Andere Arbeiten regen wieder zum Schmunzeln an, wie der betrunkene Postler, der bei jedem Hof einen Schnaps bekommt („Jeder kennt ihn, den betrunkenen Postmann. Er ist immer dicht.“), die schwulen Fußballer unter der Dusche oder das Bild mit dem Namen „Schilehrer fickt russische Schiurlauberin“.

Launische Bildbeschreibungen sind auch inkludiert. Zum Schilehrer: „Dieser Tiroler Macho bekommt sie alle. Tag für Tag und überall. Auf der Schihütte, in der Toilette, im Auto, neben der Schipiste als schneller Quickie. Er hat das schifahren erfunden und die Liebe ohne Erinnerung.“

Wie wird die Ausstellung durch die Künstler selber definiert?

Xenophobie, Potenzneid, Nationalbewusstsein, Familienehre, Homophobie, Machostyle, Sodomie, Pädophilie, Freiheit, Macht und vor allem Vertrauen durch die Provinztätigkeit werden zur Handlung.

Das inszenierte Fotosetting führt zur Parodie: Vertraue niemals einem Menschen, der schlecht über sein eigenes Land redet. Um die gesamten Porträts bzw. das Klischee des provinziellen Lebensstils, des Stolzes, durch einschlägige Tätigkeiten zu erreichen, wird dies mittels Stereotypen der Region dargestellt. Damit wird auch die Definition der Lokalpatriotie unmittelbar erfühlt: Patriotismus ist das, was ich jeden Tag tue.

Die Ausstellung will die wahre Realität zeigen: „Alle Bilder entsprechen der Wahrheit, einer Realität, welche in der Provinz immer wieder vermieden wird. Die Bilder übermitteln eine Reihe von Tabuthemen, mit welchen sich die ansässige Bevölkerung selbst nicht konfrontieren will bzw. darüber schweigt.“ Das wird hier mit der Holzhammer-Methode probiert, nicht der Geschmack für jedermann. Demonstrationen gegen die Arbeiten sind mir bisher aber nicht bekannt. Die Arbeiten wenden sich gegen jede Form der Tradition, gegen Vaterland, Kitsch und Religion, sprengen alle Klischees (wie die „Piefkesaga“, nur noch brutaler). Und: Sie sind top-professionell produziert. Hyperrealistisch.

Die Überzeichnung führt einige Bilder leider etwas ins Lächerliche. Und manches wirkt auch relativ geschmacklos. Ein Ansatz, Traditionen zu brechen, kann erkannt werden, wiewohl: Werden Traditionen mit dem Holzhammer gebrochen? Im Großen und Ganzen kann die Ausstellung auch nur zum Nachdenken anregen.

Die Bilder wurden übrigens fast ausschließlich in Osttirol gemacht. Und die Ausstellung ist leider schon geschlossen. Hier gibts aber alle Informationen darüber. Interessant: Die Schau wurde auch schon in London und Prag gezeigt.


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