Monat: Mai 2011

Sven Regener: „Ich bin generell leicht soziophob unterwegs“

Sven Regener, Sänger der Band „Element Of Crime“ und Autor der Herr-Lehmann-Trilogie, hat seine zwischen 2005 und 2010 auf Websites veröffentlichten Blogs in Buchform herausgebracht. Gemeinsamkeit: Der imaginäre Telefonfreund, Kritiker und Seelenverwandte Hamburg-Heiner. Wir trafen Regener im Wiener Rabenhof.

Ihr vor kurzem veröffentlichtes Buch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ ist eine Sammlung Ihrer Blogs aus den letzten Jahren. Wie ist Ihr fiktiver Gesprächspartner Hamburg-Heiner entstanden?

Sven Regener: Ich bin ja in diese ganze Blog-Sause so reingeraten. Aber ich hatte schon am dritten Tag keine Lust mehr, weil mir vorkam, dass das so ein Kolumnisten-Ding werden könnte: Man redet mit sich selbst und gibt seine Meinung zu allen möglichen Dingen wieder. Ich hab nichts dagegen wenn’s andere tun, aber für mich ist das nichts. Darum habe ich mich anrufen lassen, um einen Dialog-Stil reinzukriegen, denn dann wird das dialektisch, dann kann sich auch was entwickeln. Ein fiktiver Dialog kann zu Handlung führen oder kann Handlung sein, weil sich die Fronten ändern – das kriegt einen Zweikampfcharakter. Das schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, dass ich nicht selber vor Langeweile dabei umkomme.

Zum Teil führen Sie ja ein „echtes“ Tagebuch. Sie listen auf, welche Playlist Sie für eine Radiosendung gemacht haben.  Das wirkt schon so als wäre es eben gerade passiert – da wurde Ihnen dann langweilig?

Eigentlich hab ich für Tagebuch und solche Literaturformen  kein Herz und kein Händchen, ich bin auch kein Kunde als Leser, außer für Ausnahmen wie Peter Rühmkorf oder Fritz J. Raddatz.  Aber das ist nichts, was ich selber produzieren könnte. Letztendlich kann ich nur so eine Mischung aus Gonzo-Journalismus und eben Dialog-Trash machen und versuche, auf diese Weise irgendwie durch die Realität zu marodieren.

Man hat als Künstler ja höchstens ein taktisches Verhältnis zur Realität. Man benutzt sie da, wo es in den Kram passt und macht sich ansonsten ein schönes Leben, indem man sich Dinge ausdenkt und sie damit vermischt. Dinge, die tatsächlich stimmen, kommen einem ja oft am komischsten vor, also zum Beispiel dass Hamburg Altona von 1864 bis 1866 als Teil vom Herzogtum Holstein von Österreich verwaltet wurde, das stimmt. Das ist natürlich das, was am allerwenigsten geglaubt wird, während viel anderer Scheiß, den ich da behaupte, absolut aus den Fingern gesogen ist.

Die Reife in diesem Blog-Ding besteht darin, dass es immer blöder wird.

Das Gegenstück zu Hamburg-Heiner ist die Figur des liebenswert-sympathischen, aber immer wieder naiven Sven, der wiederholt betont,  er lese die Einträge der User auf keinen Fall. Hamburg-Heiner macht ihn aber da immer wieder aufmerksam darauf, als Korrektiv. Liest Hamburg-Heiner ab und zu die Kommentare?

(lacht) Sieht so aus als wenn der Hamburg-Heiner da ab und zu mal reinkuckt.  Wichtig ist ja für den Sven, weil er der Urheber dieser Blogs ist, dass er sich nicht dazu verhält. Das ist ein literarischer Blog, das heißt, die Leute, die da Kommentare schreiben, schreiben ja so etwas wie Kurzkritiken. Als Kritiker führen sie zum Teil auch untereinander Auseinandersetzungen, das ist völlig in Ordnung.

Aber als Künstler verhält man sich nicht zu Kritiken. Man antwortet darauf nicht – man muss es ignorieren. Damit hat man zwei Möglichkeiten: Man kann es trotzdem lesen und sich dauernd ärgern – oder man sagt sich gleich, ich will das nicht. Kann man ja machen, dass man nach einer Lesung Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ohne mich! Das tut man nicht, das will auch wirklich niemand. Die ganze Idee von interaktiver Kunst ist ja so ein 60er Jahre-Ding. Wer geht denn wirklich gerne in Mitmach-Theater? Ist nicht eine der größten Ängste, die man hat, wenn man irgendwo in der ersten Reihe sitzt, dass gleich einer kommt und einen da mit reinzieht? Im Grunde genommen will man, dass der Künstler sein Ding macht und sich nicht beeinflussen lässt.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie nach einer Lesung oder nach Konzerten mit Ihrer Band „Element of Crime“ angesprochen werden?

Mich spricht nach Konzerten niemand an, weil uns niemand ansprechen kann. Zwischen uns und den Leuten sind mehrere Gittertüren, Security-Leute und sonstwas. Natürlich kann man das machen, Agitprop – Leute machen das vielleicht oder Liedermacher, die sagen, sie wollen über die Lieder diskutieren, weil sie zur Kunst ein funktionales Verhältnis haben, eines, wo die Kunst dafür da sein soll, etwas anderes zu bewerten, was ja irgendwie auch problematisch ist. Ein Beispiel wäre das Köln-Konzert von Wolf Biermann 1976.

Das ist natürlich was, das im Rock’n’Roll nichts gilt – so wenig wie ich als Zuschauer hinterher mit dem Sänger von den Eels reden kann, genausowenig kann man das mit uns, und warum soll das anders sein?
Es ist ja gar nicht wahr, dass man zu einem Maler hingehen will und sagen will „Hätten Sie da nicht ein bisschen mehr rot verwenden können?“, das will ja niemand.

Wieso gibt es dann diese Interaktion im Internet…?

Es gibt ja gar keine Interaktion im Internet. Was haben wir? Spiegel online, da kann man Kommentare schreiben. Der Autor, der den Artikel geschrieben hat, verhält sich dazu nicht mehr. Da schreiben Leute irgendwelchen Kram rein, denen sonst niemand zuhört, weil es möglich ist. Es gibt diese Posting-Möglichkeit und es ist eine gewisse, kleine Anzahl von Leuten, die das macht. Ich finde das völlig in Ordnung – jeder hat sein Hobby.  Oder es ist eine Vereinsgeschichte.

Sie schreiben in einem der nun abgedruckten Blogs: „Das ist jetzt aber aus der Erinnerung erzählt, recherchiert wird hier gar nichts, hier wird einfach nur behauptet. Schließlich sind wir im Internet.“ Gibt es einen Unterschied zwischen Texten, die im Internet erscheinen und gedruckten?

(schmunzelt) Nein, ich würde auch sonst ganz gern einfach mal etwas behaupten. Aber es ist natürlich eine schöne Ausrede, zu sagen: Wir ja sind im Internet.

In den 70er Jahren war ich im Kommunistischen Bund Westdeutschland organisiert, worauf ich jetzt nicht besonders stolz bin. Aber es gab ein paar interessante Erfahrungen: Etwa wie es ist, wenn man als maoistischer Kommunist an einem Samstagvormittag im Einkaufszentrum steht. Dort kamen die Leute zu einem, denen sonst niemand mehr zuhörte  – wir waren sozusagen die Telefonseelsorge, aber auch gleichzeitig der Watschenmann.

Diesen bizarren Eindruck von den Menschen kriegt man auch, wenn man sich im Internet in den einschlägigen Foren herumtreibt. Da kann man die ganzen Spökenkieker, Freaks, vernagelte Leute und Verschwörungstheorien, die es immer schon gab, so richtig erleben. Meinungsbilder aus Internetforen haben mit gesellschaftlichen Tendenzen überhaupt nichts zu tun, weil da in erster Linie Quatsch behauptet wird. Dass man keine Ahnung hat, ist da überhaupt kein Argument, weil das niemanden davon abhält, zu jedem Scheiß seinen Senf abzugeben. So hab ich es halt auch gemacht, das ist genau die Trash-Note bei Blogs.

Die Schuhe von Sven Regener während des Interviews

Die Schuhe von Sven Regener während des Interviews

Diese Schuhdarstellungen sind eine entlehnte Idee aus dem Buch "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner"

Im Buch wurdein einigen Kapiteln die Schuhe der Band fotografiert. Wir passten das an - und fotografierten Regeners Schuhe und die der Interviewer.

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Mondsüchtig

Mondsüchtig. Und er leuchtet schon wieder hell. Mondsüchtig. Und er lässt mich wieder nicht schlafen. Mondsüchtig. Und er wird voll und voller. Mondsüchtig. Die Ebbe ist vorbei, Flut stellt sich ein. Nicht nur am Meer. Auch hier. Tief in mir drin. Mondsüchtig. Mit Bauchklang.

Auf zum Mond
Der Himmel wartet schon,
Auf zum Mond
schwerelos zum Horizont

Ein Blick war ein Versprechen, nichts als Lächeln war die Welt, der Mensch war gut
Damals hinterm Mond.

und die sonne geht auf, und die erde geht unter
ganz oben steht der mond
er schaut jeden tag auf die erde herunter
von seinem blick bleibt nichts verschont

Der Mann im Mond, der hat es schwer,
denn man verschont ihn heut nicht mehr.

Ce soir je decroche la lune pour toi.

(Textpassagen von Element of Crime, Rocko Schamoni, Unheilig, Gus Backus)

Nächster Vollmond am 17. Mai um 13:08 Uhr.

Versuch einer Annäherung ans Glück

DemGefühlReserviert42ErdbeereiseSonnenaufgangWienLyonEuropahauptstadtMittelpunktderWeltRosenNelken
HochgefühlBauchklangmittendrininmirextraorbitantAnalytikerWissenderTräumenderintravertiertwortgewaltigGe
dankendenkenfühlenschmeckenriechenwissenwollenwählenredentratschenratschenumarmenküssennichtmehrlos
lassensingenschwelgensonnenaufmerksamoptimistischliebendausgelassenüberdrüberwohlwollendreisendwandern
FahrradSchifffahrtDomspitzeÜberblickPanoramaWeitsichtRücksichtNachsichtAbsichtvollendAufmerksamkeitjetzt
grinsendstrahlendblinzelndaufblickendindieAugenschauendseufzendzärtlichberührendberührenglücklichGLÜCK…

Wenn schon kein Zirkuspferd, dann ein Zirkuskamel

Kamele und Lamas an der Hütteldorfer Straße. Warum? Weil schon seit Wochen ein Zirkus hier gastiert, anstatt dass die Baustelle für das neue Bezirkszentrum für den 14. Bezirk hier endlich gestartet wird. Und so wird hier gestreichelt und im Zelt nebenan treten Clowns und Artisten auf. Vielleicht schon ein Hinweis darauf, wer in Zukunft hier wirken wird.

Mich persönlich kann man mit Zirkus und Co ziemlich schnell in die Flucht schlagen. Ich habe bis heute nicht verstanden, was an einem Menschen mit Clownnase lustig sein soll – das ist fast schlimmer als deutsche Comedy. Artistische Zirkus-Einlagen rufen bei mir großes Gähnen hervor und nicht zuletzt sollte man auch die artgerechte Tierhaltung hinterfragen.

Als Kind wollte ich allerdings unbedingt in einen Zirkus. Die Schule hätte eine Fahrt nach Wien organisiert, die Eltern mussten noch zustimmen (und zahlen). Dank meiner Überredungskunst stimmten sie auch zu. Aber nur meine. Die Fahrt kam nicht zustande. Die anderen Kinder dachten wohl schon damals so über Zirkus wie ich heute. Typischer Spätzünder. Aber wenn mal gezündet, dann ordentlich.

Legenden am Karlsplatz: „Es gibt kan Gott“, nur Göttinnen

Die Ernst Molden Allstar Band präsentierte beim Popfest Wien Legenden: Maria Bill, Willi Resetarits, Peter Henisch, Sigi Maron, Robert Räudig.

Den Song zum Sonntag spielte dabei Sigi Maron: „Es gibt kan Gott“. Räudig von „Chuzpe“ ließ Wiener New Wave aufleben und schickte sich an Marons Analyse zu widerlegen: Göttinnen würde es sehr wohl geben. Peter Henisch durfte das Wort „Tschuschen“ in den Mund nehmen – und alle verstanden den Zusammenhang und Kontext. Ganz groß: Maria Bill und Willi Resetarits im Duett bei „I mecht so gern landen„. Herr Resetarits hat sogar eine Nummer aus seiner Ostbahn-Zeit angestimmt, die für viele eine Hymne ist: „A Schritt vire, zwa Schritt zruck.“ Vielleicht sollt er sich seine Kotletten aber wieder abrasieren, er muss ja Ende August beim Ostbahn XI-Gedächtniskonzert wieder aussehen wie ein junger Rockstar.

Einziges Fragezeichen beim Auftritt der Legenden: Was machte denn Nino aus Wien auf der Bühne – und mit welchen Sachen war er bitte zugedröhnt? Einfach ein Muttertagsräuschchen.

Den meisten Applaus gab es aber, als alle Legenden gemeinsam den alten Danzer-Hodern „Ruaf mi ned an“ anstimmten. Gänsehaut. Auch einer der ganz Großen.

Ich schließe trotzdem mit Zeilen von Maria Bill:

„Vorhin no hob i des net g´spiat
hob glaubt i könnt die Welt glei griagn
jetzt spukt do irgendwas großes um mi
und i bin mitten drin a winzige Fliagn“

Ich bin ein Kite-Surfer – und ein Podersdorfer

Summeropening und Seaside-Festival in Podersdorf. In wenige Worte zusammengefasst: Windig! Bass-lastig – bin jetzt wohl noch ein bisschen tauber als vorher. Aber das kommt davon, wenn man direkt vor der Soundanlage abhängt und von dort Fotos schießt. Und wofür? Für euch!

Podersdorf ist ja ein ganz eigener Ort am Neusiedler See. Immer wieder Party-Meile. Diesmal mit den besten Kite-Surfern der Welt. Ziemlich spektakular, denen zuzuschauen, wie sie mit ihren Boards in die Luft abheben. Und am Abend mit netten Konzerten im „Sonnendeck“. Die Überraschung des Abends dabei waren wohl „Millions of Dreads“, die mit ihrem Ragga-Sound alles perfekt im Griff hatten. Immer wieder tiefe Bässe aus dem Bauch und für unseren Bauch von Bauchklang. Wobei. Das „Vocal-Groove“-Konzept ist genial, allerdings wirkt es jetzt schön langsam etwas „abgelutscht“, denn – in welche Richtung sollte sich die Band auch entwickeln? Andere Instrumente als ihr Zwerchfell wollen sie ja nicht verwenden. Und dann traten auch noch Texta auf: Oberösterreichischer Hiphop. Tja, ganz nett. Hättiwari – diesmal die Anlage betreffend: Hätt i die Soundanlage besser eingestellt, waratn die Texte zu verstehen gwesen. War leider nicht optimal. Und sonst fragt man sich halt, wieso die jetzt 40-jährigen noch immer so wie vor 15 Jahren über die Bühne hanseln. Schaut jetzt nach viel Kritik aus, im Großen und Ganzen wars aber wirklich fein!

A propos fein: Podersdorf steht für mich immer noch für eines der legendärsten Konzerte von Kurt Ostbahn, ich glaube damals noch mit der Chefpartie. Am nächsten Tag hat Podersdorf ausgesehen wie ein Schlachtfeld, und wir hatten uns alle verloren – damals hatte noch keiner ein Handy. Gefunden haben wir uns alle wieder – beim Dorfwirt. Perfekt. Genauso wie die perfekte Welle heute für die Kite-Surfer.

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>>Und hier gibts das ganze nochmal zum nachlesen und in großen Bildern

Die Wiener Roten und ihr Slogan

Maifest 2011 im Wiener Prater. Halbpreis bei allen Prater-Attraktionen und einige Bühnen mit Gratis-Konzerten. Der 1. Mai ist der Tag der Wiener SPÖ. Erst zehntausende Genossen auf dem Maiaufmarsch am Rathausplatz – und am Nachmittag wird gefeiert.

Was heuer bei einer Maifest-Bühne aufgefallen ist: Der Slogan der Wiener SPÖ: „Der Wiener Weg“ – erste Zuschreibung von mir, weil ich das Wort Weg in Gedanken kleingeschrieben hatte: Für die SPÖ ist der Wiener schon weg: SPÖ – Der Wiener weg. Weg, schon bei einer anderen Partei? Oder soll der Wiener schnell weg? Vielleicht bin ich ja der einzige mit solchen Gedankenspielereien über diesen Slogan. Vielleicht aber auch hat die Agentur, die hinter diesem Spruch steht, einfach die zweite Bedeutung übersehen. Für mich ist die negative Bedeutung jetzt in Gedanken festgefahren. Und geht nicht mehr weg. Der Wiener weg.

Doch wie sang schon Georg Kreisler: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener. So schön wie a schlafende Frau. Der Stadtpark wär viel grüner und die Donau endlich blau.“ Mit Bezug auf dieses Wienerlied ist der Slogan der SPÖ ja fast genial.

Danke an C. für den Hinweis auf Herrn Kreisler!