Sven Regener: „Ich bin generell leicht soziophob unterwegs“


Sven Regener, Sänger der Band „Element Of Crime“ und Autor der Herr-Lehmann-Trilogie, hat seine zwischen 2005 und 2010 auf Websites veröffentlichten Blogs in Buchform herausgebracht. Gemeinsamkeit: Der imaginäre Telefonfreund, Kritiker und Seelenverwandte Hamburg-Heiner. Wir trafen Regener im Wiener Rabenhof.

Ihr vor kurzem veröffentlichtes Buch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ ist eine Sammlung Ihrer Blogs aus den letzten Jahren. Wie ist Ihr fiktiver Gesprächspartner Hamburg-Heiner entstanden?

Sven Regener: Ich bin ja in diese ganze Blog-Sause so reingeraten. Aber ich hatte schon am dritten Tag keine Lust mehr, weil mir vorkam, dass das so ein Kolumnisten-Ding werden könnte: Man redet mit sich selbst und gibt seine Meinung zu allen möglichen Dingen wieder. Ich hab nichts dagegen wenn’s andere tun, aber für mich ist das nichts. Darum habe ich mich anrufen lassen, um einen Dialog-Stil reinzukriegen, denn dann wird das dialektisch, dann kann sich auch was entwickeln. Ein fiktiver Dialog kann zu Handlung führen oder kann Handlung sein, weil sich die Fronten ändern – das kriegt einen Zweikampfcharakter. Das schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, dass ich nicht selber vor Langeweile dabei umkomme.

Zum Teil führen Sie ja ein „echtes“ Tagebuch. Sie listen auf, welche Playlist Sie für eine Radiosendung gemacht haben.  Das wirkt schon so als wäre es eben gerade passiert – da wurde Ihnen dann langweilig?

Eigentlich hab ich für Tagebuch und solche Literaturformen  kein Herz und kein Händchen, ich bin auch kein Kunde als Leser, außer für Ausnahmen wie Peter Rühmkorf oder Fritz J. Raddatz.  Aber das ist nichts, was ich selber produzieren könnte. Letztendlich kann ich nur so eine Mischung aus Gonzo-Journalismus und eben Dialog-Trash machen und versuche, auf diese Weise irgendwie durch die Realität zu marodieren.

Man hat als Künstler ja höchstens ein taktisches Verhältnis zur Realität. Man benutzt sie da, wo es in den Kram passt und macht sich ansonsten ein schönes Leben, indem man sich Dinge ausdenkt und sie damit vermischt. Dinge, die tatsächlich stimmen, kommen einem ja oft am komischsten vor, also zum Beispiel dass Hamburg Altona von 1864 bis 1866 als Teil vom Herzogtum Holstein von Österreich verwaltet wurde, das stimmt. Das ist natürlich das, was am allerwenigsten geglaubt wird, während viel anderer Scheiß, den ich da behaupte, absolut aus den Fingern gesogen ist.

Die Reife in diesem Blog-Ding besteht darin, dass es immer blöder wird.

Das Gegenstück zu Hamburg-Heiner ist die Figur des liebenswert-sympathischen, aber immer wieder naiven Sven, der wiederholt betont,  er lese die Einträge der User auf keinen Fall. Hamburg-Heiner macht ihn aber da immer wieder aufmerksam darauf, als Korrektiv. Liest Hamburg-Heiner ab und zu die Kommentare?

(lacht) Sieht so aus als wenn der Hamburg-Heiner da ab und zu mal reinkuckt.  Wichtig ist ja für den Sven, weil er der Urheber dieser Blogs ist, dass er sich nicht dazu verhält. Das ist ein literarischer Blog, das heißt, die Leute, die da Kommentare schreiben, schreiben ja so etwas wie Kurzkritiken. Als Kritiker führen sie zum Teil auch untereinander Auseinandersetzungen, das ist völlig in Ordnung.

Aber als Künstler verhält man sich nicht zu Kritiken. Man antwortet darauf nicht – man muss es ignorieren. Damit hat man zwei Möglichkeiten: Man kann es trotzdem lesen und sich dauernd ärgern – oder man sagt sich gleich, ich will das nicht. Kann man ja machen, dass man nach einer Lesung Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ohne mich! Das tut man nicht, das will auch wirklich niemand. Die ganze Idee von interaktiver Kunst ist ja so ein 60er Jahre-Ding. Wer geht denn wirklich gerne in Mitmach-Theater? Ist nicht eine der größten Ängste, die man hat, wenn man irgendwo in der ersten Reihe sitzt, dass gleich einer kommt und einen da mit reinzieht? Im Grunde genommen will man, dass der Künstler sein Ding macht und sich nicht beeinflussen lässt.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie nach einer Lesung oder nach Konzerten mit Ihrer Band „Element of Crime“ angesprochen werden?

Mich spricht nach Konzerten niemand an, weil uns niemand ansprechen kann. Zwischen uns und den Leuten sind mehrere Gittertüren, Security-Leute und sonstwas. Natürlich kann man das machen, Agitprop – Leute machen das vielleicht oder Liedermacher, die sagen, sie wollen über die Lieder diskutieren, weil sie zur Kunst ein funktionales Verhältnis haben, eines, wo die Kunst dafür da sein soll, etwas anderes zu bewerten, was ja irgendwie auch problematisch ist. Ein Beispiel wäre das Köln-Konzert von Wolf Biermann 1976.

Das ist natürlich was, das im Rock’n’Roll nichts gilt – so wenig wie ich als Zuschauer hinterher mit dem Sänger von den Eels reden kann, genausowenig kann man das mit uns, und warum soll das anders sein?
Es ist ja gar nicht wahr, dass man zu einem Maler hingehen will und sagen will „Hätten Sie da nicht ein bisschen mehr rot verwenden können?“, das will ja niemand.

Wieso gibt es dann diese Interaktion im Internet…?

Es gibt ja gar keine Interaktion im Internet. Was haben wir? Spiegel online, da kann man Kommentare schreiben. Der Autor, der den Artikel geschrieben hat, verhält sich dazu nicht mehr. Da schreiben Leute irgendwelchen Kram rein, denen sonst niemand zuhört, weil es möglich ist. Es gibt diese Posting-Möglichkeit und es ist eine gewisse, kleine Anzahl von Leuten, die das macht. Ich finde das völlig in Ordnung – jeder hat sein Hobby.  Oder es ist eine Vereinsgeschichte.

Sie schreiben in einem der nun abgedruckten Blogs: „Das ist jetzt aber aus der Erinnerung erzählt, recherchiert wird hier gar nichts, hier wird einfach nur behauptet. Schließlich sind wir im Internet.“ Gibt es einen Unterschied zwischen Texten, die im Internet erscheinen und gedruckten?

(schmunzelt) Nein, ich würde auch sonst ganz gern einfach mal etwas behaupten. Aber es ist natürlich eine schöne Ausrede, zu sagen: Wir ja sind im Internet.

In den 70er Jahren war ich im Kommunistischen Bund Westdeutschland organisiert, worauf ich jetzt nicht besonders stolz bin. Aber es gab ein paar interessante Erfahrungen: Etwa wie es ist, wenn man als maoistischer Kommunist an einem Samstagvormittag im Einkaufszentrum steht. Dort kamen die Leute zu einem, denen sonst niemand mehr zuhörte  – wir waren sozusagen die Telefonseelsorge, aber auch gleichzeitig der Watschenmann.

Diesen bizarren Eindruck von den Menschen kriegt man auch, wenn man sich im Internet in den einschlägigen Foren herumtreibt. Da kann man die ganzen Spökenkieker, Freaks, vernagelte Leute und Verschwörungstheorien, die es immer schon gab, so richtig erleben. Meinungsbilder aus Internetforen haben mit gesellschaftlichen Tendenzen überhaupt nichts zu tun, weil da in erster Linie Quatsch behauptet wird. Dass man keine Ahnung hat, ist da überhaupt kein Argument, weil das niemanden davon abhält, zu jedem Scheiß seinen Senf abzugeben. So hab ich es halt auch gemacht, das ist genau die Trash-Note bei Blogs.

Die Schuhe von Sven Regener während des Interviews

Die Schuhe von Sven Regener während des Interviews

Diese Schuhdarstellungen sind eine entlehnte Idee aus dem Buch "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner"

Im Buch wurdein einigen Kapiteln die Schuhe der Band fotografiert. Wir passten das an - und fotografierten Regeners Schuhe und die der Interviewer.

>>Weiter auf der nächsten Seite!!!

Sie haben jetzt schon zweimal das Thema Politik angesprochen – in einem Interview mit dem „Spiegel“ meinten Sie auch, in Ihrer Kunst seien Sie nicht politisch, weil Sie das nicht vermischen wollten. Sind Sie „privat“ ein politischer Mensch?

Kann man privat politisch sein? Das weiß ich nicht. Aber ich bin sicher ein sehr politischer Mensch, das ist ja klar. Ich glaube auch, dass ich politisch mehr interessiert bin, als die meisten anderen Künstler, die ich kenne. Ich glaube bloß, dass ich aus Respekt vor der Politik nicht darüber singen will. Andere sehen das anders, ich halte davon nichts. Man will ja auch nicht, dass die Leute, wenn sie im Krankenhaus operieren, dabei irgendwie singen. Also, vielleicht sollte man das alles einmal viel ernster nehmen und auch die Kunst ernster nehmen. Das hat was verdammt Banausisches, Kunst immer vor diesen Karren spannen zu wollen, als wenn Kunst an sich keinen Wert und keinen Sinn hätte. Klar, Marika Rökk sagte: Ja, ich bin unpolitisch gewesen. Oder Jopi Heesters. Das ist aber eine Scheiß-Gesellschaft, in der will man nicht stehen.

Was im Normalfall ein Künstler sagen wird – ich schreibe Liebeslieder, aber die Liebesdinge sind ja heutzutage auch politisch – das ist seit 1968 der große Taschenspielertrick. Seitdem kann jeder in der Kunst machen, was er will, und behaupten, er ist politisch, weil der Politikbegriff so weit entwertet worden ist, dass eben alles politisch ist. Also natürlich sind auch diese Blogs von mir hochpolitisch. Das merkt man erst oder gerade, weil sie sich mit diesen Sachen beschäftigen. Netzpolitisch, auch medienpolitisch total streng unterwegs. Bei meinem Blog aus Österreich ist es eindeutig, dass es um große geopolitische Fragen geht. Und es ist ja nicht meine Schuld, dass man auf uns nicht hört.

Sie sprechen von jenem Blog, der der Aussöhnung von Österreich und Deutschland dienen soll und in dem Sie den Österreichern wiederholt deutsche Bundesländer anbieten. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich heute? Ist es besser geworden?

Das verfestigt sich, so ein „Piefke“-Ding. Es ist natürlich ein reines Ressentiment. Das hat ja mit Realität nicht viel zu tun. Das ist im Grunde aber ein kulturelles Phänomen, viel mehr als ein politisches. Ihr sagt doch Piefke wahrscheinlich wegen diesem Komponisten, der damals diesen Siegesmarsch komponiert hat. Ok, dann lösen wir das jetzt auf, dann nehmt doch Schleswig-Holstein. Verdammte Scheiße, ist mir doch scheißegal.

Wieviel bekommt man eigentlich als Sven Regener von der österreichischen Innenpolitik mit?

Nicht viel, das ist ja in Deutschland nicht mehr so ein Aufreger. Das war mal mehr. Das ist ja auch immer eine Frage des Unterhaltungswerts. Also mit Jörg Haider hat das ganze noch einen ganz anderen Drall gehabt. Und dieser Strache, das kriegt man alles nicht mehr so richtig mit. Und es ist jetzt auch nichts wo man sich wirklich einmischen möchte. Ich hab mich aber früher gewundert, wenn Leute sagten, man könne nicht in Kärnten spielen. Das sind dieselben Wixer, die mit dem Goethe-Institut nach China fahren, wo die Leute in den Gulag wandern. Aber in Kärnten spielen sie nicht. (lacht).

Ehrlich einmal, man muss auch einmal die Kirche im Dorf lassen. Das ist ja jetzt nicht die große weltweite Bedrohung, worüber ich mir Sorgen machen würde, so wie ich mir Sorgen um die iranische Atombombe mache. Wir sind alle in der EU irgendwie, es ist wichtig, dass man das auch versteht.

Sind sie nach dem Erfolg der Lehmann-Trilogie oft als „Herr Lehmann“ angesprochen worden?

Manchmal von Witzbolden. Das hat damit zu tun, dass die Leute gern jemand kennen würden, der einem Kunstwerk entstiegen ist. Weil ich aber generell leicht soziophob unterwegs bin, will ich das nicht gern. Generell will ich den Leuten auch nicht zugestehen, sie wüssten etwas über mich, wenn sie diese Bücher gelesen haben. Ich bin kein öffentliches Eigentum. Ich bin kein Promi oder so was. Ich mache das nicht, weil ich Leuten was über mich erzählen will. Deshalb bin ich ja zum Beispiel kein Kunde für Facebook.

Damit noch einmal zurück zu ihrer Band: Sind in den Texten, die sie für Element of Crime schreiben auch autobiografische Züge erkennbar? Das ganze ist immer sehr melancholisch, es geht sehr oft um Trennungen…

Das hat natürlich auch sehr persönliche Seiten, das ist auch sehr gefühlsbeladen. Aber autobiografisch würde bedeuten, man macht ein trauriges Liebeslied, weil man in dem Moment unglücklich verliebt ist – so läuft das nicht. Das kann auch 20 Jahre her sein und man kann daraus ein Lied machen. Den direkten Zusammenhang kann man so nicht herstellen. Und es muss auch nie so gewesen sein. Man muss nur ein bisschen was davon verstehen, das reicht schon.

Weil die Veranstaltung erst vor kurzem war – würden sie mit ihrer Band beim Songcontest antreten?

Nein, wir gehören da nicht hin. Das ist nicht, weil ich es verachte oder doof finde, aber man muss einfach wissen, was wohin passt – und dort wären wir deplatziert. Wir machen keine mehrheitsfähige Kunst. Man muss dort versuchen, sich eine Mehrheit zu verschaffen – und das ist der Grund, wieso der Songcontest so grauslich ist von der Kunst her. Es gibt ja keine Kunst, die von mehr als drei Prozent der Leute in einem Land gut gefunden wird. Wenn ich eine Million Platten verkaufe in Deutschland, dann haben 1,25 Prozent der Bevölkerung meine Platte gekauft. Wenn einer vier Millionen verkauft – was unmöglich ist – dann sind es fünf Prozent. Das heißt aber, dass 95 Prozent diese Platte immer noch nicht gekauft haben.

Vielleicht haben diese Leute die Musik aber schon illegal vom Internet runtergezogen.

Nein. (lacht) Das passiert nicht. Damit müssen auch die größten Superstars leben, dass noch immer 95 Prozent der Leute sagen: So ein Arschloch.

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