Schreiben wie auf der Orgel


Für die einen ist sie ein Kultobjekt, die anderen können einfach die Finger nicht von ihr lassen: Die Schreibmaschine wird sich dem Computer nie ganz geschlagen geben.

Früher war es das akustische Wahrzeichen vieler Redaktionen und Schreibstuben: das typische Klappern der Schreibmaschinen. Heute hingegen holt man sich keine schwarzen Finger vom Farbband mehr oder entwirrt fluchend die ineinander verhakten Hämmerchen der mechanischen Maschine. Und statt mit Tipp-Ex die Fehler auf dem Papier zu überpinseln, drückt man in den heutigen Textverarbeitungsprogrammen einfach die „Delete“-Taste.

Doch die alte Schreibmaschine findet ständig neue Freunde. Laut Michael Schilhan, dessen Leidenschaft und Beruf der Erhalt mechanischer Schreibmaschinen ist, erleben die Maschinen von Olivetti, Triumph, Olympia und Co. derzeit eine wahre Renaissance. Eine Weile konzentrierte sich diese Begehrlichkeit auf Schreibmaschinen, die zwischen 60 und 80Jahre alt sind. „Momentan ist bei den jungen Leuten aber vor allem das 1970er-Jahre-Design sehr beliebt“, meint Schilhan. Sein Betrieb in Wien besteht seit 80Jahren, er übt die Profession bereits in vierter Generation aus. Die Berufsbezeichnung hat sich allerdings angepasst: Aus dem Schreibmaschinenmechaniker wurde Schritt für Schritt der Büro- und Kommunikationstechniker.

Schilhan hat sich darauf spezialisiert, Schreibmaschinen instand zu setzen, die vor Jahrzehnten gekauft, jedoch nie verwendet wurden: „So kann ich meinen Kunden eine 80Jahre alte Schreibmaschine neuwertig anbieten.“ Er glaubt, dass ein Umdenken eingesetzt hat: „Früher wurden auch die kleinsten Sätze mit dem Computer geschrieben. Jetzt durchschauen die Kunden, dass das hohe Kosten verursacht und nicht effizient ist.“

>>Erschienen in „DiePresse/Sonntag“ am 30. Oktober 2011

So richtig in die Tasten hauen. Für Bianca da Luz, 27-jährige Studentin in Wien, zählen andere Argumente: „Ich mag es einfach gerne, ab und zu einmal richtig in die Tasten zu hauen. Auf der Schreibmaschine entsteht ein anderes Schreibgefühl, eines, das bewusster ist.“ Sie schreibt auf einer gut erhaltenen Olivetti-Reiseschreibmaschine aus den 1930er-Jahren, die sie vor einigen Jahren auf dem Naschmarkt erstanden hat. Für sie gehört die Schreibmaschine zu den Kultobjekten, denen ein gewisser Mythos anhaftet: „Sie vereinte schon sehr früh ausgereifte Technik, Qualität, Design und Funktionalität in einem.“

Auf der anderen Seite verwendet Bianca da Luz aber auch modernste Computertechniken und ist ständig per iPhone mit dem Internet verbunden. Die Trennlinie zieht sie nach rein pragmatischen Kriterien: „Ich kann mir nicht vorstellen, meine Doktorarbeit auf der Schreibmaschine zu schreiben, dafür bin ich zu sehr an die Annehmlichkeit des Computers gewöhnt.“

Wie eine extravagante Frau. Auch viele Schriftsteller schwören auf die Arbeit an der Schreibmaschine. Zu ihnen gehört Julian Schutting, Mitglied der Grazer Autorenversammlung. Die Arbeit an der Schreibmaschine vermittle ihm ein ganz spezielles Selbstbewusstsein: „Man kann sich zurücklehnen, majestätisch wie im Thronsessel sitzen und gibt die Hände nach vorne wie am Orgelmanual.“ Seine Werke schreibt er im Rohentwurf mit großen Zeilenabständen und korrigiert dann handschriftlich auf dem Reißbrett. „Wie ein Architekt einen Stadtplan habe ich dann das Gedicht vor mir.“ Schutting kann sich nicht vorstellen, dass ein taugliches Gedicht am Computer hergestellt werden kann. Und er sucht eine Beziehung zu seiner Schreibmaschine aufzubauen, denn diese wäre „wie eine extravagante Frau, die sich verwöhnen lässt“.

Oft wird aber auch aus reiner Gewohnheit auf der Schreibmaschine geschrieben: Die 62-jährige Christa Rabenhorst aus Hannover etwa meint, sie brauche für das Texten auf dem Computer länger, weil ihr das Schreiben auf der Schreibmaschine einfach vertrauter ist: „Ich bin so sicher in der Rechtschreibung, ich brauche keine Korrektur wie am Computer.“ Rabenhorst differenziert aber auch – für sie zählt die Wahl des geeigneten Werkzeugs: „Bei einem privaten Brief würde ich nie auf die Idee kommen, mit dem Computer zu schreiben.“

Intellektueller Akt. Auch der Theologe, Religionssoziologe und Autor Adolf Holl hat mit dem Computer umgehen gelernt, aber beim Verfassen eines Textes stört ihn dieser, „weil er eingeschaltet ist und mich quält, ich soll doch endlich etwas schreiben, ich aber Ruhe haben will“. Nach dem Besuch eines Computerkurses habe er begriffen, dass er in einer gewissen Weise ausgeschlossen war aus der Wirklichkeit, denn „jeder Installateur hat heute seine Homepage“. Er benutzt seitdem das Internet für die Recherche und Suche, aber für den intellektuellen Akt des Schreibens dient ihm seine mechanische Olympia.

Nicht nur darum kann man sicher sein, dass die Schreibmaschine nicht ganz verschwinden wird. Obwohl ihre Funktion im Verhältnis zum Computer so bescheiden ist. Oder vielleicht gerade deshalb: Denn mit ihr kann man schreiben. Und sonst nichts.

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Die Schreibmaschine mit USB-Anschluss

Mechanische Schreibmaschinen werden derzeit nur noch in China hergestellt. Vor allem in den USA schätzen aber immer mehr junge Menschen die feinmechanische Wertarbeit und treffen sich zu sogenannten Type-ins, wo um die Wette getippt wird. Diese Treffen werden gefilmt und per YouTube und Facebook verbreitet.Texte werden auf Papier getippt – im nächsten Schritt werden diese eingescannt und als sogenannte Typecasts auf Internetblogs gestellt.

USB-Typewriter. Findige Techniker haben sogar ein Gerät entwickelt, das die klassische Schreibmaschine mit dem iPad kombiniert. Mit dessen Hilfe braucht man nicht auf das Klappern der mechanischen Schreibmaschine zu verzichten – der Text wird direkt auf den Bildschirm übertragen. Ein Schnäppchen ist das allerdings nicht: Im Internet kann man den „USB-Typewriter“ für etwa 500 Euro bestellen.

>>Hier kann man den USB-Typewriter bestellen.

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