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Politik Stadtspaziergang Wien 2.0

Die VerParndorfisierung der Wiener Architektur


Der Leiner in der Mariahilfer Straße ist nicht mehr meiner, sondern keiner mehr: Seit kurzem läuft der Abriss.

Das schmerzt. Denn es war das letzte erhaltene Warenhaus der Gründerzeit in Wien, der Lichthof mit dem eisernen Stiegenhaus im Jugendstil war in Wien einzigartig.

Dabei hätte das traditionsreiche Gründerzeitgebäude alles, was es für ein spannendes Wiener Kaufhaus braucht. Doch die Chance, dem Leiner-Haus seinen alten Glanz wiederzugeben, ist nicht genutzt worden. Im Gegenteil, die Politik hat mit vereinten Kräften mitgeholfen, damit alles recht schnell geht, wie Addendum schon 2019 berichtet hat.

Signa-Geschäftsführer Christoph Stadlhuber führt gegenüber der Zeitung “Der Standard” (28.4.) aus, dass natürlich überlegt wurde, das Stiegenhaus zu erhalten, doch dies war aus vielen Gründen nicht möglich, u.a. wegen der unterschiedlichen Geschoßhöhen. Für Verwunderung in der Fachwelt sorgte jedoch Friedrich Dahm, Abteilungsleiter für Wien im Bundesdenkmalamt mit der Aussage im “Der Standard”: “Dieses Haus ist kein Jugendstil-Juwel, sondern nach all den Umbauten und Zerstörungen ein Schandfleck. Ja, das nachträglich eingebaute Stiegenhaus ist zwar ganz schön, war aber schon zum Zeitpunkt seines Einbaus 1912 altmodisch und retardierend. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist hier keine Schutzwürdigkeit gegeben.” Kritisiert werden die Argumentation “retardierend” im Zusammenhang mit einer möglichen Schutzwürdigkeit, die Begrifflichkeiten “Schandfleck” sowie “Schönheit”, die in der kunsthistorischen Welt, insbesondere in der denkmalpflegerischen Fachwelt strikt vermieden werden.

Initiative Denkmalschutz

Leider wieder ein Beispiel wie mit Architektur in Wien umgegangen wird. Und wieder ein Beispiel dafür, welche Interessensgruppen sich in Windeseile bilden.

Gründerzeithäuser werden abgerissen, um einer Architektur Platz zu machen, die zwar modern erscheint, aber nur den Interessen der Investoren dient – und überall auf der Welt stehen könnte. So wie das Outletcenter im burgenländischen Parndorf. Eine Allerwelts-Kulisse mit einem Inhalt, der nur laut „kauf mich“ schreit. Ein Abriss reiht sich an den nächsten, Allerweltsarchitektur macht sich breit, man denke nur an die Verschlimmschönerung vom Haus des Meeres.

Was kommt am Platz des Leiner? Das Wiener KaDeWe: „Ein richtungsweisendes Warenhaus-Konzept und modernes Lifestyle-Hotel umgesetzt, beides Hand in Hand gehend mit hochwertiger Gastronomie, mit einer Begegnungszone und mit einem großen Park am Dach, der für alle offen und als konsumfreie Zone zugänglich ist. BesucherInnen genießen ein traumhaftes Panorama über die ganze Innenstadt. Wiens größte und lebendigste Einkaufsstraße wird damit auch im unteren Teil zu einem Prachtboulevard europäischen Formats. (Siehe mahue10-18.at)

Wir begrüßen die konsumfreien Flächen am Dach, allerdings: Europäiscbes Format ohne die Wurzeln der Wiener Architektur endet leider in einem Multiplex-Klotzbau.

Den konkreten Fall hat auch Jan Böhmermann in seiner Österreich-Spezial-Sendung beschrieben:

Eng vertraut ist Kurz auch mit Investor und Unternehmer René Benko, den sich Böhmermann in seinem Beitrag genauer anguckt. Als der nämlich das Leiner-Haus in Wien kaufen wollte, soll ihm Kurz geholfen haben. „Das Haus war eigentlich 95 Millionen Euro wert, aber René Benko wollte lieber nur 60 zahlen. (…) Also hat Bundeskanzler Sebastian Kurz persönlich dafür gesorgt, dass ein leitender Beamter früher aus dem Weihnachtsurlaub zurückkommt, um den ganzen Papierkram zack, zack, zack, bisschen schnell zu erledigen“, erklärt Böhmermann.

Jan Böhmermann zerlegt Österreich-Kanzler Sebastian Kurz, Stern.de

Leiner wurde von Rene Benko übernommen, der nun großspurig ankündigen lässt: „Das renommierte internationale Architektenbüro O.M.A. – Office for Metropolitan Architecture, gegründet von Pritzker Preisträger Rem Koolhaas, hat den Architekturwettbewerb zum Projekt KaDeWe in Wien für sich entschieden. Am Standort des jetzigen Leiner-Kaufhauses wird die moderne Version eines Traditions-Warenhauses mit einem Mix aus Shopping, Gastronomie, Hotel und konsumfreien Zonen entstehen. Das herausragende Projekt ist ein starkes Signal für die Zukunft des stationären Einzelhandels.“ (Siehe signa.at)

Ein Projekt in der wichtigsten Einkaufsstraße Wiens in unmittelbarer Nähe zum Museumsquartier. Trotz Star-Architektenteam entsteht der Eindruck, dass hier kaum oder gar nicht auf die Umgebung eingegangen wird und schon gar nicht auf Wiener Traditionen und Baugeschichte. Schade.

Wien ist eine Stadt mit einer ausgeprägten architektonischen Kultur, die von Fischer von Erlach über Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Frank bis Hermann Czech reicht – da schmerzt ein Allerweltsbau an so prominenter Stelle natürlich umso mehr.

Kunsthistoriker Andreas Nierhaus in der „Krone“

Von eminenz

Die üste hat die freie Wahl:
Wenn sie ein W wählt bleibt sie kahl
Wenn sie ein K wählt wird sie naß -
Die freie Wahl macht keinen Spaß

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