Kategorien
Graue Kunst Graues Leben

Die verschissene Zeit


Der Roman von Barbi Marković nennt sich „Die verschissene Zeit“ – doch das gilt nicht für den geneigten Leser. Im Gegenteil – im flott erzählten Roman verfliegt die Zeit wie im Flug, wenn auch die Protagonisten die Zeit gern anhalten würden. Denn sie sind in den Allneunzigern gefangen durch einen Fehler ihrer Zeitmaschine. Und man befindet man sich hier im Belgrad der Neunziger-Jahre, was auch ohne Zeitmaschine schon einer abgekapselten Situation entspricht. 

Man lebt im „riesigen psychowirtschaftlichen Desaster“ der 90er-Jahre – einem Teufelskreis aus Armut, Gewalt, Inflation und Drogen.

Jugoslawien ist erst zerfallen, der Krieg frisst sich nicht nur ins Gemüt der Vorstadt, das wirtschaftliche Embargo sorgt für Warteschlangen und Mangelwirtschaft und eine Hochkonjunktur der Mafia. Und viel zu viel Zeit verbringt man im Luftschutzkeller während der Luftangriffe der NATO. 

Und dann noch diese Zeitschleife, als wenn die Probleme nicht schon groß genug wären. Also verbringt man einen Großteil seiner Zeit mit Warten und bezieht sich dabei auf Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“:

„Warten bedeutet, immer die gleiche Zeile zu lesen und dann wieder die gleiche Zeile und dann wieder von vorne die gleiche Zeile im Proust. Einerseits fallen die Bomben und brüllen die Sirenen und mein Zimmer würgt mich, andererseits stopft mich das Fernsehen mit falschen Informationen und patriotischer Gehirnwäsche voll.“ 

Drei junge Romanantiheld*innen reisen also mehr recht als schlecht durch die Zeit in ihrem desolaten und langweiligen Belgrader Vorsstadtleben und müssen sich mit „Dieslern“, Kampfhunden und dem Komandanten herumschlagen. Darunter leidet die geschliffene Sprache – das Buch ist in einem sehr aggressiven Vorstadtslang verfasst, es wird viel geflucht, im Serbischen vorzugsweise mit Bezeichnungen für Geschlechtsorgane. Die Brutalität breitet sich auch in der Sprache aus.

Wer sich nicht davon abschrecken lässt geht mit auf die Suche nach einem einem roten Porsche und ein Amulett. Wie schreibt es Christa Gürtler von der „Furche“ so schön:

„Was es mit diesem begehrten Krokodil-Medaillon auf sich hat, soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Auch die Auflösung ist eine Pointe, die zeigt, wie brillant Barbi Marković die popkulturellen Spielregeln beherrscht – inklusive der Wahl ihres Vornamens Barbi. Und sie beweist in ihrem ersten auf Deutsch geschriebenen Roman, dass sie eine aberwitzige Sprachspielerin ist, die gerne übertreibt und überspitzt bis zur Groteske.“

Doch ist das alles nur ein Spiel? Jedenfalls gibt es als Zusatzbüchlein auch eine Anleitung zum Rollenspiel: Die Leser werden eingeladen, zu Mitspielern zu werden, zu Figuren der Geschichte und sollten dabei die Warnung der Spielleiterin im Ohr haben: „Wir müssen immer aufpassen, dass die Neunzigerjahre nicht zurückkehren, dass wir die Neunzigerjahre nicht wieder in die Welt rufen.“ 

Von eminenz

Die üste hat die freie Wahl:
Wenn sie ein W wählt bleibt sie kahl
Wenn sie ein K wählt wird sie naß -
Die freie Wahl macht keinen Spaß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s