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Oben. Ganz oben.

Wo und was ist Oben in Wien? Nicht so wie in der Provinz im Keller-Tiefbau, nicht so wie in München als Kellerbar – in Wien ist oben wirklich „Oben“. Bis April residiert der „Club der ZeitgenossInnen“ vor allem im obersten Stockwerk der Lehargasse 7, im altehrwürdigen Gebäude, in dem einst die „Telephoncentrale 1“ der k.u.k Post- und Telegraphenverwaltung residierte.

Hinter Oben steht ein Verein, der von Michael Stefanofsky, Axl Schreder (Café Français) und Franziskus Kriegs-Au (Stadthaus-Galerie) geführt wird. Und hier soll Kunst auf Zeit geboten werden: Alle zwei bis drei Wochen werden im Obergeschoß des Gebäudes neue Kunst und Installationen gezeigt. Und die Nächte kann man sich mit Wiens bekanntesten Alternative-DJs um die Ohren Schlagen.

Was bei Oben überrascht und überwältigt: Die riesengroßen beiden Säle, die einen Hauch der Kaiserzeit vermitteln – und das Vergängliche daran, sichtbar an den bereits begonnenen Demontage-Arbeiten. Sollen ganz oben doch Luxus-Büros eingerichtet werden – und das korreliert einfach nicht mit dem Nimbus des Untergegangenen.

Was daneben noch überrascht, allerdings negativ: Der Spritzwein aus der Flasche. Das ist einer Weinstadt wie Wien nicht würdig. Ganz nach unten damit.

Karlskirche duchlöchert, zerstört und neu aufgestellt

Die Wiener Karlskirche: In Auftrag gegeben von Kaiser Karl VI, wurde sie von Johann Bernhard Fischer von Erlach als zentrale Verbindung zwischen Rom und Byzanz gestaltet. Aus diesem Grund vereint die Karlskirche bewusst Elemente aus christlichen und islamischen Sakralbauten. Heute steht sie auf einem zentralen und großen Platz Wiens – die mächtige Kulisse wird immer öfter für Festivals vom Popfest bis zum Straßenkünstlerfestival benutzt, schön langsam wird das Image des anrüchigen Karlsplatzes immer besser.

Am 13. Oktober konnte man die Karlskirche in einer Form bewundern, wie man sie sonst noch nie gesehen hat. Der Videokünstler Markos Aristides Kern und das DJ-Team Makossa & Megablast verwandelten die Karlskirche in eine riesige Projektionsfläche. Die Kirche hüpfte, drohte zu zerschmelzen, wurde dann von wild wuchernden Pflanzen überwachsen, von riesigen Spinnen erklommen, mutierte zum DJ-Deck mit riesigen Lautsprechern, wurde duchlöchert, zerstört und neu aufgestellt. Und das alles in 3D verblüffend real. Ein Augenschmaus zu dem tausende Wiener vor dem Spektakel im Dunklen ausharrten.

Für die Performance ist ein weltweit einmaliges Projektionsfahrzeug zum Einsatz gekommen: das Multi Media Offroad Vehicle. Das MMOV macht es möglich, Fassaden mobil live zu bespielen. Wien war die letzte Station einer von Intel präsentierten Roadshow. Auch  der Berliner Olympiapark oder der Dresdner Zwinger wurden mit dem MMOV bespielt.

Einziger Wermutstropfen: Das Wiener Publikum. Tolle Musik, tolle Performance – und die Zuschauer standen dort wie die Zombies. Wie im Theater wurde man fast schief angeschaut, wenn man zu laut redete oder sich zur Musik bewegte. Wien hat noch einen weiten Weg in den Köpfen von der Provinzstadt zur Weltstadt.

 

Freeparade: „Wer sich nicht bewegt, bewegt nichts“

Zum bereits vierten mal fand die Freeparade in Wien statt. Trucks mit DJs und lauter elektronischer Tanzmusik zogen vom Westbahnhof über die Mariahilfer Straße bis zum Resselplatz. Trotz wummernden Bässen und tanzenden Jugendlichen soll bei dieser Veranstaltung auf konkrete politische Anliegen aufmerksam gemacht werden: Der sogenannte „Mafia-Paragraf“ §278 wird scharf angegriffen  – alle Verfahren die unter diesen Paragrafen fallen, sollen beendet werden. Darüber hinaus wird gegen den Kapitalismus, gegen Sexismus, gegen Überwachung und für Solidarität demonstriert.

Ein Augenschein in der Mariahilfer Straße hat gezeigt, dass die einkaufenden Massen das Geschehen heute doch neugierig beäugt haben – es fielen jedenfalls keine bösen Worte. Inwieweit die Veranstalter damit mehr Verständnis für ihre Anliegen erreicht haben, bleibt aber abzuwarten.

In Österreich sind Demonstrationen ja meist unbeliebt, die Demo-Kultur ist so gut wie gar nicht ausgeprägt. Das bürgerliche Duckmäuser-Tum hat Vorrang. Und das Vertrauen in die Obrigkeit ist viel zu hoch ausgeprägt, es wird viel zu wenig hinterfragt.

Gut, dass sich noch viele finden, die auch nach Österreich eine Demonstrations-Kultur bringen wollen. Die Gewerkschaften sind dazu ja wohl nicht fähig – außer am ersten Mai. Aber das ist eine andere Geschichte.

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