Graue Medien

Ockhams Rasiermesser: „Heute“ und der Punkt

Die Gratiszeitung „Heute“ startet eine neue Kampagne – „Heute bringt’s auf den Punkt“:

Das ist unsere Definition von Qualitätsjournalismus. Nicht lange um den Brei herumreden, sondern sofort zum Punkt kommen. Nicht die Zeit unserer Leser verschwenden, sondern schnell informieren. „Heute“ ist punktgenauer als die anderen.

Jetzt kann man wahrscheinlich stundenlang darüber streiten, ob diese Definition von Qualitätsjournalismus allen Argumenten standhält – wenn man nicht zuvor im Blattinneren auf eine Geschichte trifft, die die Landung am Punkt aber sowas von gar nicht schaffen will. Den Einstieg zur Geschichte über den Kührer-Prozess muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

Manchmal sind Beisln wie Universitäten: Liegt nach stürmischem Wetter ein umgeknickter Baum auf der Straße, kann man diskutieren, ob UFOs gelandet oder Elefanten vorbeigetrampelt sind. Der Stammtisch aber wird entscheiden: Schuld am Baumbruch war der Sturm. In der Wissenschaftstheorie heißt dieses Prinzip „Ockhams Rasiermesser“: Gibt es für einen Sachverhalt mehrere Erklärungen, gilt die einfachste Theorie als wahrscheinliche.

Vielleicht will „Heute“ ab sofort neue Zielgruppen erreichen. Für eine Gratiszeitung sind solche philosophischen Abhandlungen doch neu. Wenigstens kommt aber die Straße im Einstieg vor  – vielleicht als Verweis auf den Boulevard. Oder vielleicht sollte man bei dieser Geschichte einfach auf die selbsterlegten Qualitätskriterien verzichten und den Punkt am Ende des Artikels rausstreichen. Punktum.

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Die „Krone“ und die „Südländer“

Allzu lang ist die Aufregung um einen rassistischen Absatz in einem „Heute“-Artikel noch gar nicht her – wie jetzt bekannt wurde, springt jetzt auch wieder die „Krone“ in die pauschalisierend verhetzende Sprache. In der Kronen-Zeitung, Vorarlberg-Ausgabe, vom 23. Dezember 2012 wird neben Bildern eines Taxiüberfalls vermerkt: „…der Südländer (einer von Hunderten kriminellen Ausländern, die unsere Heimat unsicher machen)…“

Autsch. Gehts noch, liebe „Krone“?

Im ersten Moment denkt man vielleicht noch: Das ist ja gar nicht so schlimm wie der Absatz im „Heute“-Artikel. Um dann umgehend aufzuwachen und solche Vergleiche in Frage zu stellen – denn  ist die Sprache in Medien schon so verludert, dass rassistischen Pauschalisierungen einfach hingenommen werden? Nein. So etwas darf nicht geduldet werden.

Danke an Philipp Metzler für den Hinweis auf Facebook.

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„Heute“ und der Halbmond

Die Geschichte ist traurig genug: „Eifersucht: Mann ersticht vor Kindergarten Ehefrau“ titelt die Gratis-Zeitung „Heute“ am 7. Dezember auf Seite 8. Was allerdings im zweiten Absatz geschrieben wird verstößt gegen jegliche journalistische Ethik. Ohne mit der Wimper zu zucken wird hier auf eine Religion hingedroschen – „In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“ – und ein Eifersuchtsdrama vermischt mit religiösen Vorurteilen. Ohne übrigens etwas über den religiösen Hintergrund des Täters zu schreiben. Denn der einzige Name, der hindeuten könnte auf einen Moslem ist jener vom Polizeioberst. Sind den beiden Autoren hier die Sicherungen durchgegangen? Oder ist Verhetzung die neue Blattlinie von „Heute“? Dass der Artikel online nicht abzurufen ist, dürfte schon seinen Grund haben.

Wir fordern eine öffentliche Entschuldigung von Jörg Michner und Wolfgang Höllrigl. Außerdem wurde der Fall dem Presserat gemeldet.

UPDATE:

Christian Nusser, Chefredakteur von „Heute“ entschuldigt sich auf der Homepage von „Heute“ und schwärzt die Stellen im e-paper.
http://diepresse.com/home/kultur/medien/1321509

Stellungnahmen gibt es unter anderm von der Journalistengewerkschaft und SOS Mitmensch.

Andrea Schaffar hat auf SocioKommunikativ eine begriffliche Klärung versucht.

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UPDATE drei Tage nach Erscheinen:

„Heute“ reagiert nach dem Wochenende mit dem Lob von Staatssekretär Kurz – laut „Heute“ lobt er „Heute“ für das Engagement beim Thema Integration. Und Chefredakteur Christian Nusser erklärt nochmals, dass schnell die Konsequenzen gezogen wurden. Was bleibt, ist ein wenig Verwunderung über die Form dieser Selbstdarstellung als Beschützer der Integration. Allerdings: Man nimmt es „Heute“ eher ab als der „Krone“. Doch das bedeutet nun auch keinen Orden für den Boulevard.

Simon Inou kritisiert Landau, Kurz und Galeli dafür schaft auf M-Media.

UPDATE sechs Tage nach Erscheinen:

Wolfgang Höllrigl dürfte vom Ressortchef zum Redakteur degradiert worden sein, er sei vorerst weiter beurlaubt. Das wurde allerdings noch nicht offiziell bestätigt.
Der Redakteur, der den Bericht recherchiert hatte, wurde verwarnt.

heutezweiteUPDATE 11 Tage nach Erscheinen:

Beim Österreichischen Presserat sind 66 Beschwerden eingegangen – das ist bisheriger Rekord.  Die Gratiszeitung ist allerdings bis dato nicht Mitglied des Presserats. Doch: Der Rat kann eine Entscheidung auch gegen Nichtmitglieder veröffentlichen, wenn es sich um eine „von grundsätzlicher Bedeutung“ handelt.

Boulevard-Urgestein Höllrigl wurde die Ressortleitung entzogen und auf einen mehrwöchigen Urlaub geschickt.

>>Mehr dazu HIER

Der Boulevard-Krieg um die griechische Insel

Es ist Sommer, und obwohl die Hitze derzeit gar nicht so schwül über unserem Land liegt, dürften manch einem Boulevard-Reporter die Sicherungen durchgebrannt sein. Die Gratis-Gazette „Heute“ trommelt Tag für Tag eine Geschichte, die windiger nicht entstehen konnte. Zuerst erschienen in einem Artikel in der italienischen Zeitung „Libero“ wurde erstmal abgeschrieben. Ist doch ein schönes Sommerthema: Eine Insel will sich von Griechenland lossagen und Österreich beitreten. Hat alle Aspekte einer luftigen Sommergeschichte. Die Geschichte ist daran aufgehängt, dass vor 100 Jahren diese Insel von den Griechen anektiert wurde und der Vertrag, der damals geschlossen wurde, genau jetzt auslaufen würde. Der Bild-Blog hat die Meldung übersetzt:

“Es wäre schwierig, unabhängig zu bleiben”, geben einige während einer der wenigen Veranstaltungen zu, die ein Vorspiel für die große Hundertjahrfeier zur Unabhängigkeit sind. “Aber wir können nach der Annexion durch einen anderen Staat fragen: sicher nicht die Türkei, höchstens Österreich.”

In „Heute“ wurde das nicht nur abgeschrieben, sondern gleich in historischen österreichischen patriotischen Kontext ein bissl weitergetrieben:

„Laut italienischer Zeitung Libero wurde den Insulanern die Dauerkrise ihrer Regierung zu bunt. Sie fordern nun öffentlich: “Servus Athen, wir gehen nach Österreich!”

Was verblüfft: Die APA übernahm den Inhalt dieser (Nicht-)Geschichte und befragte in einem zweiten Teil dann sogar einen Verfassungsrechtler, ob ein zehntes Bundesland möglich wäre. Alle möglichen Experten kamen zu Wort – nur auf die Idee, auf der Insel anzurufen hatte keiner – außer die berühmt-berüchtigte „Boulevard-Schleuder „Österreich“. „Griechen-Insel will nicht (!) zu uns“ wurde getitelt nachdem man mit dem Bürgermeister einer Stadt auf der Insel geredet hatte. Alles also ein schlechter Scherz. Das ist aber vollkommen egal für „Heute“: Man titelte einfach: „Insel-Griechen traurig. Athen stoppt Beitritt“ und schrieb von den vom Österreich-Beitritt „träumenden“ Insulanern. Hört sich alles fast schon wie eine Realitätsverweigerung an. Man kann auf jeden Fall gespannt sein, welche Geschichten da noch als Nachzieher auftauchen. Immerhin sind einige deutsche Zeitungen auf diese Nicht-Geschichte aufgesprungen, und auch der Nachrichtensender n-tv.

Tragen wir alle Beiträge zu Ikaria zusammen und machen wir es so wie es der Bild-Blog abschließend schreibt: „Man könnte daraus ein Grabmal für den deutschsprachigen Journalismus bauen.“



Des profils neue Kleider

Der Frühjahrsputz kann so manche Raritäten zu Tage fördern. Diesmal wurde der Dachboden durchstöbert und dabei bin ich auf eine verstaubte Kiste mit archivierten Magazinen gestoßen. Mit Menschen auf dem Cover, an die man sich gar nicht mehr erinnerzt – „Wer ist Viktor K.“ wird auf einem profil-Cover ja auch unverblümt gefragt – das war doch der mit den Gummistiefeln beim Hochwasser, oder? Mein allererstes erstandenes profil war jenes mit dem abgewandelten Plakat-Slogan von Jörg Haider: „Er hat euch belogen.“

Und der Klassiker schlechthin ist das profil-Cover mit dem nackten Kanzler Vranzitzky. Großartig und ein Aufreger. Soweit allerdings, dass Herausgeber Hubertus Czernin gekündigt wurde, trotz Protesten der Redaktion und von politischen Parteien. Aber dieses Cover führte auch zu einer Verurteilung, erwirkt von Vranitzky. Die „Zeitungswirren“ von damals werden schön in einem Artikel der Süddeutschen beschrieben – danke an die Twitteria für die Hinweise.

Gar nicht gut für die Reputation. Auch die Änderungen im Machtverhältnis der profil-Besitzer taten dem Magazin nicht gut. Welch ein Unterschied zu den Titelstorys des Nachrichtenmagazins, die jetzt seit einiger Zeit präsentiert werden: Politische Themen findet man fast gar nicht mehr am Cover, dafür hat man sich psychologischen, gesundheitlichen, gesellschaftlichen – oder ich sags mal so: einfach UNNÖTIGEN Covern verschrieben. Fast scheint es so, dass man mit dem Schwestern-Magazin News um das fadeste Cover konkurriert. Oder soll das profil gar die neue „Ganze Woche“ für die Intellektuellen werden? Alles ist möglich in diesem Verlag. Und genau deshalb schließe ich hiermit mit den Zeilen, die Armin Thurnher seit Jahren in seinem Falter-Leitartikel verwendet: Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplexnz muss zerschlagen werden.

Ein Sommerloch mit Hitler gefüllt

Schön langsam wird das Nachrichten-Sommerloch ein bißchen lästig. Wenn man sich die Geschichten ansieht, die derzeit im Boulevard verbreitet werden, bleibt einem schön langsam das Lachen im Hals stecken. „Daily Mirror“, „Kölner Express“ und natürlich „Österreich“ berichten unisono:  Um dem zweiten Weltkrieg schnell ein Ende zu bereiten, wollten die Alliierten Adolf Hitler in eine Frau verwandeln. „Nicht durch Zauberei“, sondern durch eine Hormonbehandlung. Da wär uns ja einiges erspart geblieben. Nicht zuletzt diese Berichterstattung darüber 60 Jahre danach.

„Die Idee war es, seine aggressive Seite mit Hilfe von Östrogenen auszugleichen ”, erzählte Professor Brian Ford von der Universität in Cardiff im „Mirror“. Obwohl Hitler sein Essen jeweils testen ließ, hätten diese Menüs problemlos durch die Testessen kommen können. Denn Östrogen ist geruchslos.

Diese und andere bizarre Geschichten enthüllt Professor Ford übrigens in seinem neuen Buch „Secret Weapons: Technology, Science And The Race To Win World War II“. Darin behauptet der Forscher auch: Die Alliierten hatten vor, die Nazi-Truppen mit Super-Kleber zu überschütten, damit diese am Boden haften blieben. Außerdem wollte man Bomben in Obstkonserven verstecken und diese nach Deutschland importieren.

Mir fällt dazu jetzt eigentlich gar nichts mehr ein als: Bitte, lasst das Sommerloch so schnell wie möglich verschwinden! Am besten zukleben mit Superkleber.

 

„Österreich“ und die Fußball-Schnecken

Im österreichischen Fußball gibt es den Herbert Prohaska, der fast liebevoll „Schneckerl“ genannt wird – wenn man ihn heutzutage sieht, kann man sich gar nicht vorstellen wieso. Seit diesem Wochenende allerdings wissen wir, dass die österreichische Nationalmannschaft den Ärger des Boulevard ausgelöst hat. Kein liebevolles „Schneckerl“ mehr, nein, viel schlimmer, unsere Nationalspieler werden in der „Tageszeitung“ „Österreich“ zu „Schnecken“.

Nach der 0:2-Blamage: Wut über Fußball-Schnecken

Jetzt kann man über die Leistungen der rot-weiß-roten Nationalmannschaft geteilter Meinung sein, oder nein: wir sind uns alle einig dass Österreich wohl nie Europameister oder Weltmeister im Fußball werden wird. Leider (oder zum Glück) ist uns auch die Übertragung des Spiels gegen Belgien erspart geblieben. Einige Fragen werfen sich für uns allerdings schon auf: Waren die Österreicher bei diesem Spiel so langsam wie Schnecken? Oder zogen sie eine Schleimspur wie eine Schnecke hinter sich her? Wir nehmen ja an, dass es sich bei der Schleimspur eher um die des „Österreich“-Herausgebers handeln konnte, der überall Sponsoren für sein angeschlagenes Tageszeitungsprojekt sucht.

Dass Zeitungs-Zampano Wolfgang Fellner wie verrückt daran arbeitet, dass „Österreich“ schon das Niveau von Maturazeitungen unterschreitet, ist ja schon hinlänglich bekannt. Vielleicht könnte er seinen Grafikern aber wenigstens einen Photoshop-Kurs zahlen, damit solche peinlichen Bebilderungen („Oberschnecke Arnautovic“) nicht mehr passieren.

Übrigens hat das rot-weiß-rote Boulevardblatt wieder einmal ein Interview frei erfunden. Aber das ist eine andere Geschichte.