Schlagwort-Archive: Integration

„Heute“ und der Halbmond

Die Geschichte ist traurig genug: „Eifersucht: Mann ersticht vor Kindergarten Ehefrau“ titelt die Gratis-Zeitung „Heute“ am 7. Dezember auf Seite 8. Was allerdings im zweiten Absatz geschrieben wird verstößt gegen jegliche journalistische Ethik. Ohne mit der Wimper zu zucken wird hier auf eine Religion hingedroschen – „In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“ – und ein Eifersuchtsdrama vermischt mit religiösen Vorurteilen. Ohne übrigens etwas über den religiösen Hintergrund des Täters zu schreiben. Denn der einzige Name, der hindeuten könnte auf einen Moslem ist jener vom Polizeioberst. Sind den beiden Autoren hier die Sicherungen durchgegangen? Oder ist Verhetzung die neue Blattlinie von „Heute“? Dass der Artikel online nicht abzurufen ist, dürfte schon seinen Grund haben.

Wir fordern eine öffentliche Entschuldigung von Jörg Michner und Wolfgang Höllrigl. Außerdem wurde der Fall dem Presserat gemeldet.

UPDATE:

Christian Nusser, Chefredakteur von „Heute“ entschuldigt sich auf der Homepage von „Heute“ und schwärzt die Stellen im e-paper.
http://diepresse.com/home/kultur/medien/1321509

Stellungnahmen gibt es unter anderm von der Journalistengewerkschaft und SOS Mitmensch.

Andrea Schaffar hat auf SocioKommunikativ eine begriffliche Klärung versucht.

kraftheute

UPDATE drei Tage nach Erscheinen:

„Heute“ reagiert nach dem Wochenende mit dem Lob von Staatssekretär Kurz – laut „Heute“ lobt er „Heute“ für das Engagement beim Thema Integration. Und Chefredakteur Christian Nusser erklärt nochmals, dass schnell die Konsequenzen gezogen wurden. Was bleibt, ist ein wenig Verwunderung über die Form dieser Selbstdarstellung als Beschützer der Integration. Allerdings: Man nimmt es „Heute“ eher ab als der „Krone“. Doch das bedeutet nun auch keinen Orden für den Boulevard.

Simon Inou kritisiert Landau, Kurz und Galeli dafür schaft auf M-Media.

UPDATE sechs Tage nach Erscheinen:

Wolfgang Höllrigl dürfte vom Ressortchef zum Redakteur degradiert worden sein, er sei vorerst weiter beurlaubt. Das wurde allerdings noch nicht offiziell bestätigt.
Der Redakteur, der den Bericht recherchiert hatte, wurde verwarnt.

heutezweiteUPDATE 11 Tage nach Erscheinen:

Beim Österreichischen Presserat sind 66 Beschwerden eingegangen – das ist bisheriger Rekord.  Die Gratiszeitung ist allerdings bis dato nicht Mitglied des Presserats. Doch: Der Rat kann eine Entscheidung auch gegen Nichtmitglieder veröffentlichen, wenn es sich um eine „von grundsätzlicher Bedeutung“ handelt.

Boulevard-Urgestein Höllrigl wurde die Ressortleitung entzogen und auf einen mehrwöchigen Urlaub geschickt.

>>Mehr dazu HIER

„Dönerwetter“: Die Botschaft des türkischen Botschafters

Eine „Welle der Empörung“ sieht die „Krone“. Und kraft ihrer von Gott verliehenen Macht will sie den türkischen Botschafter entfernt sehen. Durchs ganze Blatt wird Stimmung gegen Kadri Ecved Tezcan gemacht. Und die ZiB2 macht ihren Beitrag gar mit „Dönerwetter“ auf. Was ist passiert? Ein türkischer Diplomat hat einmal gar nicht diplomatisch agiert und offen, in einem Interview für die „Presse“, seine Meinung gesagt.

In einem Rundumschlag fand Tezcan scharfe Worte für Österreichs Ausländerpolitik. Um alle Zusammenhänge richtig zu deuten und keinen Verkürzungen auf den Leim zu gehen, muss man schon mal das Interview ganz durchlesen.

Die Kurzkurzfassung: Es sei unglaublich, dass Integration Sache von Innenministerin Maria Fekter sei, die sich übrigens in der falschen Partei befinde. Den Österreichern attestierte er, kein Interesse für fremde Kulturen zu haben. Auch mit den Türken in Wien ging Tezcan ins Gericht, kritisierte ihre mangelnden Deutschkenntnisse. Doch über die Inhalte seiner Kritik wollte einen Tag nach dem Interview keiner mehr sprechen. Der türkische Diplomat hatte in ein Wespenloch gestochen.

Der Außenminister sprach davon, dass hier „dem Faß der Boden ausgeschlagen“ worden sei, dass Österreich beleidig worden sei. Warum? Weil ein Botschafter noch nie in solcher Klarheit und Schärfe die Integrationsprobleme angesprochen hat. Das darf man nicht, da wird sofort abgeblockt. Noch dazu ist die Kritik von einem Türken gekommen. Das darf nicht sein.

Integrationspolitik in Österreich wird so behandelt wie Medienpolitik: Es passiert nichts. Noch schlimmer: Die Politiker fürchten sich, Maßnahmen zu setzen, sie fürchten sich, dass sie damit der FPÖ „in die Hände spielen. Die Populisten spielen das Ausländerthema natürlich strategisch voll aus. Mit Erfolg.

So beißt sich die Katze selbst in den Schwanz: Aus Angst wird das Thema nicht angesprochen, aus Angst wird nicht auf Ängste der Bevölkerung eingegangen. Nehmen wir doch die Aussagen des türkischen Botschafters zum Anlass, einmal nachzudenken. Und zu handeln. Denn: Die Ängste sind unbegründet.

Aber: So ist es oft mit Wahrheiten, sie sind unangenehm.