Ockhams Rasiermesser: „Heute“ und der Punkt


Die Gratiszeitung „Heute“ startet eine neue Kampagne – „Heute bringt’s auf den Punkt“:

Das ist unsere Definition von Qualitätsjournalismus. Nicht lange um den Brei herumreden, sondern sofort zum Punkt kommen. Nicht die Zeit unserer Leser verschwenden, sondern schnell informieren. „Heute“ ist punktgenauer als die anderen.

Jetzt kann man wahrscheinlich stundenlang darüber streiten, ob diese Definition von Qualitätsjournalismus allen Argumenten standhält – wenn man nicht zuvor im Blattinneren auf eine Geschichte trifft, die die Landung am Punkt aber sowas von gar nicht schaffen will. Den Einstieg zur Geschichte über den Kührer-Prozess muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

Manchmal sind Beisln wie Universitäten: Liegt nach stürmischem Wetter ein umgeknickter Baum auf der Straße, kann man diskutieren, ob UFOs gelandet oder Elefanten vorbeigetrampelt sind. Der Stammtisch aber wird entscheiden: Schuld am Baumbruch war der Sturm. In der Wissenschaftstheorie heißt dieses Prinzip „Ockhams Rasiermesser“: Gibt es für einen Sachverhalt mehrere Erklärungen, gilt die einfachste Theorie als wahrscheinliche.

Vielleicht will „Heute“ ab sofort neue Zielgruppen erreichen. Für eine Gratiszeitung sind solche philosophischen Abhandlungen doch neu. Wenigstens kommt aber die Straße im Einstieg vor  – vielleicht als Verweis auf den Boulevard. Oder vielleicht sollte man bei dieser Geschichte einfach auf die selbsterlegten Qualitätskriterien verzichten und den Punkt am Ende des Artikels rausstreichen. Punktum.

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